Leben und Tod
Die Theologin Margot Käßmann ist neben Comedian Dieter Nuhr und Moderator Reinhold Beckmann Patin unserer ARD-Themenwoche: Leben mit dem Tod. Im Gespräch mit Britta Uphoff spricht sie über den Umgang der Gesellschaft mit dem Tod und ihre eigene Sichtweise. Auf das Sterben und seine Bedeutung im Leben der Menschen.
Margot Käßmann, Theologin und Pastorin im Studio von Bremen Eins
Interview mit Margot Käßmann, [5:56]
Britta Uphoff im Gespräch mit der Theologin
Britta Uphoff: Warum sind eigentlich die Meisten von uns so unentspannt, wenn es um das Thema Tod und Sterben geht?
Das habe ich bei ihren Kolleginnen und Kollegen auch erlebt, als es darum ging, ob es wirklich Thema der Themenwoche wird. Das ist ein Ausweichen, weil wir uns natürlich ungern mit dem Thema Sterben befassen. Wir haben zwar jeden Tag Tote im Fernsehen – vom Tatort bis zum Ballerspiel, aber der eigene Tod über den spricht man nicht so gern. Weil man Angst davor hat. Jeder von uns stirbt ja nur einmal und weiß nicht wie es sein wird. Der Tod anderer tut weh – wenn wir Liebste verlieren, ist das auch einfach ein Schmerz im Leben.
Britta Uphoff: Neben Kabarettist Dieter Nuhr und ARD-Moderator Reinhold Beckmann sind sie Patin dieser Themenwoche. Was hat sie dazu bewogen, sich dabei zu engagieren?
Ich habe mich echt darüber gefreut, dass diese Entscheidung gefallen ist, weil ich als Pfarrerin oft erlebt habe, dass beim Beerdigungsgespräch, dass die Angehörigen da sitzen und sagen: „Hätten wir geahnt, dass die Mutter stirbt, hätten wir soviel noch bereden müssen und wir wissen auch gar nicht, ob sie eine Patientenverfügung hatte. Und ob sie wollte, dass die Organe gespendet werden. Und wie die Trauerfeier überhaupt sein soll: Ob sie im Sarg beerdigt werden möchte oder in der Urne eingeäschert wird.“ Da denke ich, hättet ihr darüber früher mal gesprochen. Ich wünsche mir, die ARD-Themenwoche wird Menschen dazu anregen, am Küchentisch darüber zu reden; mit Freunden darüber zu sprechen abends: "Wie willst du eigentlich sterben; wie will ich sterben." Und ich glaube das vertieft auch unsere Beziehungen.
Britta Uphoff: Sie haben als Pastorin Menschen im Leben aber natürlich auch auf dem Weg in den Tod begleitet. Gibt es ein Erlebnis aus der Zeit, das ihnen nachhaltig auch sehr schön und sehr positiv in Erinnerung geblieben ist?
Ich erinnere mich, als ich als junge Pfarrerin das erste Mal von einer Angehörigen gebeten wurde, dass ich eine alte Frau in ihrem Sterbeprozess an der Hand halte. Da hatte ich große Angst, weil ich noch nie beim Sterben so direkt dabei war. Ich hatte zwar schon beerdigt. Ich habe dann diese Nacht als ganz besonders empfunden, weil diese Frau langsam an meiner Hand wirklich einschlief. Ich hatte das Gefühl, dass sie einatmete, ausatmete und dann nicht mehr einatmete. Das war so ein sanfter Tod, der hat mir ein Stück doch den Schrecken genommen und hatte doch etwas fast Schönes, Erlösendes.
Britta Uphoff: Jetzt ist es ja so, dass man durchaus oftmals verstehen kann, dass der Tod Menschen erlösen kann, wenn sie krank gewesen sind; wenn sie Schmerzen gehabt haben; wenn sie wirklich sehr unglücklich gewesen sind in ihrem Leben. Kann man dem Tod, ihrer Meinung nach, wirklich etwas Gutes abgewinnen, wenn es nicht darum geht, dass jemand erlöst wird, sondern wenn ein Mensch einfach stirbt?
Ich will den Tod nicht kleinreden. Der Tod ist für uns im Leben schon ein großer Schrecken und eben auch ein Schmerz. Aber den Tod eines lieben Menschen in dieser Liebe aufzunehmen in das Leben, das finde ich berührend und bewegend, wenn es gelingt. Ich erinnere mich an ein fünfjähriges Mädchen, dass ich beerdigen musste, bei dem ich auch entsetzlich traurig war, dass so ein Kind stirbt. Ich habe die Eltern und die ganze dörfliche Gemeinschaft bewundert, die dieses Kind aufgebahrt haben und Abschied genommen haben am offenen Sarg und es dann gemeinsam zum Friedhof getragen haben. Das hatte auch eine Geborgenheit im Leben. Der Theologe Fulbert Steffensky hat einmal gesagt: "Heimat ist da, wo wir die Namen der Toten kennen." Das fand ich sehr berührend und Verletzlichkeit ins Leben hineinzunehmen, das fand ich beeindruckend.
Britta Uphoff: Ist es ihnen als Theologin im Leben eigentlich auch schon einmal passiert, dass sie dagestanden haben, auf den Tod eines Menschen geblickt haben und sagten, dass das keinen Sinn habe?
Ich würde nie sagen, dass der Tod wirklich Sinn macht. Wie kann der Tod eines Kindes Sinn machen; wie kann der Tod auch im Krieg Sinn machen und wie viel sinnloses Sterben gibt es auf dieser Welt. Für mich ist der Tod sozusagen das größte Ärgernis des Lebens. Auf der anderen Seite ist der Tod für mich kein hoffnungsloser Fall. Ich bin überzeugt, das ist kein Punkt, sondern ein Doppelpunkt in Gottes zukünftiger Welt, wie immer sie aussehen mag. Wird dann, wie es die Bibel sagt: Leid, Not, Geschrei und auch der Tod ein Ende haben?
Britta Uphoff: Wie nah, würden sie sagen, stehen sich der Vorgang der Geburt und der Vorgang des Sterbens?
Das ist sich schon sehr nah. Ich finde in unserer Zeit wird das nochmal deutlich, dass eigentlich beides so individuell und unkontrollierbar – wir wollen aber beides kontrollieren: Es gibt beispielsweise immer mehr Kaiserschnittgeburten. Das soll alles getaktet sein; die Zeit soll vorherbestimmt sein, aber manchmal macht das Baby es dann nicht so mit, was wir planen. Beim Tod haben wir auch relativ wenig Zeit und Raum und immer mehr Menschen wollen bestimmen, wie es genau abläuft, weil wir da auch ja diese Individualität kaum noch zulassen können. Eine schöne Geschichte fand ich, dass eine Frau sagte, sie habe ihre Mutter begleitet im Sterben und hatte das Gefühl, die Mutter hat sie mit der Geburt in das Leben begleitet und sie hat beim Sterben, die Mutter hinausbegleitet: Also geboren werden und Sterben, das sind die entscheidenden Punkte im Leben.
Info: Buntes
![Storch im Nest am Haus der Dettmanns in Oberhammelwarden bei Elsfleth [Quelle: Radio Bremen, Janine Horsch] Storch im Nest am Haus der Dettmanns in Oberhammelwarden bei Elsfleth [Quelle: Radio Bremen, Janine Horsch]](/bremeneins/buntes/storcheneltern102_v-mediateaser.jpg)
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