Woran Glaubst Du, Harald?

In Bremen gibt‘s 600-800 Wohnungslose. Harald ist einer davon. Er lebt seit fast 30 Jahren auf der Straße. Im Rahmen der ARD-Themenwoche „Woran glaubst du?“ haben wir Harald drei Tage lang auf Bremens Straßen begleitet. Er hat uns in seine Welt mitgenommen und viele Fragen beantwortet.


Tag 1

Moin, ich bin Harald. [Quelle: Radio Bremen]
Mein altes Leben im "Luxus" wollte ich nicht mehr.
Das war ein Leben, in dem ich unnötigen Bedürfnissen nachgelaufen bin - zufrieden war ich nicht. Auf der Straße konnte ich das ablegen. Hier bin ich glücklich, weil ich frei bin von dem "immer mehr wollen". Jetzt brauche ich nur noch meine Freiheit, um zufrieden zu sein." - Harald, 64 Jahre

„Betteln ist mein Leben und mein Hobby. Ich mach am Tag um die 20€. Um die Feiertage sind die meisten Menschen großzügiger, da kann’s dann auch mal mehr sein. Viele Leute bleiben manchmal stundenlang stehen, um einfach mit mir zu reden. Männer geben zwar seltener als Frauen, aber dafür mehr.“

Harald lebt zum größten Teil von seiner Stammkundschaft. Über eine kleine Geldspende, Kaffee oder verpacktes Essen freut er sich am meisten. Angefangenes Essen wird ihm oft angeboten, er nimmt es aus Höflichkeit an, aber isst es nicht: „Die Leute meinen es gut, aber ich bin kein wandelnder Mülleimer.“

Haralds Hütte [Quelle: Radio Bremen]
Meine Hütte ist mein Rückzugsort.
Als Obdachloser lebe ich am ‚Rand der Gesellschaft‘. Ich sitze jeden Tag vier Stunden auf der Straße – und bin süchtig danach. So bekomme ich Kontakt mit der ‚normalen‘ Welt. Trotzdem bin ich froh, wenn ich abends alleine in meine Hütte kann.“
Harald hat seine Hütte geschenkt bekommen. Hier hat er alles, was er zum Leben braucht, außer einer Dusche und einem Klo.

Harald Instagram Post 1.2 [Quelle: Radio Bremen]

„Mein größter Wunsch ist es, mit einem Wohnmobil durch Europa zu reisen. Ab September bekomme ich zusätzlich zu meinem Bettelgehalt noch Rente, vielleicht kann ich mir so irgendwann diesen Traum erfüllen.“

Harald Instagram Post Tag 1.1 [Quelle: Radio Bremen]

„In Bremen müsste mehr für Obdachlose gemacht werden. Sozial kritische Themen sollten mehr angesprochen und der soziale Wohnungsbau mehr gefördert werden. Es gibt nicht genügend Unterkünfte. Daran muss die Politik arbeiten, aber natürlich fehlt’s an Geld…“



Tag 2

Harald [Quelle: Radio Bremen]
Orte wie das Café Papagei sind gute Treffpunkte, um nen Kaffee zu trinken und sich auszutauschen.
Oft bekommen die Leute in den sozialen Einrichtungen die Sachen umsonst - das finde ich aber nicht gut – auch, wenn ich damit wahrscheinlich eine Ausnahme bin. Dadurch werden Leute weniger selbstständig und irgendwie abhängig. Deshalb geh ich am liebsten zum Café Papagei. Hier muss ich 50ct für nen Kaffee zahlen. Das treibt mich an, weiterhin Geld zu verdienen und selbstständig zu bleiben."
Das Café Papagei in Bremen bietet in den Sommermonaten "Die Uni der Straße" an: 14 Veranstaltungen zu unterschiedlichen Themen für Menschen in schwierigen sozialen Lebenslagen – also "Uni" für Wohnungslose, Obdachlose oder von Armut betroffenen Menschen.
Harald [Quelle: Radio Bremen]
Ich saß in vielen Städten auf der Straße. Aber am liebsten bin ich in Bremen.
Hier sind die Menschen am sozialsten, sie zeigen mehr Interesse. Aber manche Leute haben Angst vor uns Obdachlosen. Sie denken, Obdachlosigkeit sei eine ansteckende Krankheit. Aber wir haben auch ein Recht darauf, akzeptiert zu werden! Viele mussten schlimme Sachen durchstehen und konnten der Gesellschaft nicht gerecht werden. Ein nettes "Hallo" genügt schon, um zu zeigen, dass wir als Menschen wahrgenommen werden."
Harald sagt, er ist kein "typischer" Obdachloser. Er hat Maschinenbau studiert, acht Jahre als Maschinenbauingenieur gearbeitet und viel Geld verdient. Das Geld hat ihn aber nicht glücklich gemacht. Er hat beschlossen, das hinter sich zu lassen und seine Zeit in soziale Projekte zu stecken.

Harald Instagram Post 2.1 [Quelle: Radio Bremen]

Harald ist einer der wenigen Obdachlosen, die kein Hartz IV bekommen. Er lebt seit fast 30 Jahren nur von seinem Bettelgehalt. Hartz IV will er nicht beantragen, weil er sich nicht abhängig machen will. Und weil er sich ungern sagen lässt, was er tun soll, meidet er die Ämter.

Harald Instagram Post 2.2 [Quelle: Radio Bremen]

Auch wenn viele Menschen tagtäglich an Harald vorbeigehen, ohne ihn zu beachten, ist er für viele Obdachlose ein wichtiger Ansprechpartner.



Tag 3

Harald [Quelle: Radio Bremen]
Mein Handy habe ich geschenkt bekommen.
Ich habe mich sehr darüber gefreut, denn jetzt kann ich in Notfällen immer jemanden erreichen. Das gibt mir Sicherheit."

Als Obdachloser ist es für Harald oft schwer, eine Toilette zu finden, die er umsonst nutzen kann. Meistens muss er für seine Hygiene zahlen: 4€ täglich um auf’s Klo zu gehen, 2,50€ für’s tägliche Duschen und dann noch eine Fahrkarte, um zu den Orten zu kommen. Das sind enorm hohe Ausgaben für Harald.

Harald Insta-Post 3.1 [Quelle: Radio Bremen]

In Bremen gibt‘s 600-800 Wohnungslose. Harald bietet die „Stadtführung der anderen Art“ an. Da zeigt er Menschen aus der „normalen Welt“ Orte, an denen sich Obdachlose aufhalten, schlafen, betteln und sterben.

Harald [Quelle: Radio Bremen]

„Ich möchte noch lange leben“ steht auf Petra Adlers Foto. Sie hat viele Jahre genau an diesem Platz gebettelt, gelebt und dann hier vier Wochen im Sterben gelegen und wurde eines Morgens tot gefunden.  

Harald Header [Quelle: Radio Bremen]
VideoWie kann ich jetzt helfen?
Als Obdachloser ist es für Harald oft schwer, eine Toilette zu finden, die er umsonst nutzen kann.
Meistens muss er für seine Hygiene zahlen: 4€ täglich um auf’s Klo zu gehen, 2,50€ für’s tägliche Duschen und dann noch eine Fahrkarte, um zu den Orten zu kommen. Das sind enorm hohe Ausgaben für Harald.

Mangelnde Hygiene, zu wenig Medikamente und Infektionen: Das Leben auf der Straße ist für viele Obdachlose stressig: Der Körper ist geschädigt und kann sich nicht mehr richtig aufbauen und viele Obdachlose kommen nur schwer zur Ruhe. Oft werden sie bedroht und es gibt zu wenig „helle“ Plätze, an denen sie Sicherheit finden können.

Wenn es dunkel wird und weniger Touristen unterwegs sind, wird der Neptunbrunnen zum Wäsche- und Saubermachen genutzt. Aber nur, solang die Polizei nichts davon mitbekommt.

Obdachlose dürfen nicht immer an Plätzen bleiben – sie werden oft weggeschickt, zum Beispiel weil sie den Tourismus stören.



Auf der Straße ist es oft ein Überlebenskampf – die meisten Obdachlosen nehmen keine Rücksicht aufeinander.
Das finde ich beschissen. Wir sitzen doch im selben Boot, da sollten wir zusammenhalten.“ - Harald

Die nächste „Stadtführung der anderen Art“ wird’s im September geben. Einfach bei Harald nachfragen. Er sitzt jeden Mittag an der Sparkasse am Hillmannplatz.

Harald [Quelle: Radio Bremen]

Die ganze Story mit Harald: gibt es auf unserem Instagram-Kanal


Dieses Thema im Programm: Bremen NEXT, 15. Juni 2017, 09:20 Uhr