CD-Tipp
Absolut überwältigend: Florence + The Machine
Ihr Debütalbum "Lungs" eroberte vor zwei Jahren weltweit die Charts und wurde millionenfach verkauft – jetzt legen Florence + The Machine nach: Unsere Musik-Auskennerin Christine Heuck ist vom Nachfolge-Album "Ceremonials" zutiefst beeindruckt, genau wie von der Geschichte der Florence Welch:
Man sagt das immer so leicht, jemand hätte so viel erlebt in kürzester Zeit, das haben manche nicht in zehn Jahren im Schuhkarton der Erinnerungen. Aber hier ist es wirklich Tatsache. Florence Welch ist samt The Machine im März 2010 auch endlich bei uns aufgeschlagen mit einer wirklich coolen Nummer. Mit einer Coverversion von The Source und Candi Staton zwar, aber schon damit hat sie es vermocht, den Eindruck zu erwecken, da sei wohl eine am Werk, die nicht auseinanderbröckelt, wenn man sie anpiekst, die hat Fundament und Biss und Stimme und Hirn.
Der Traum wurde Wirklichkeit
Und es ist wohl durchaus erlaubt, mit so etwas erst einmal die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, wenn danach etwas kommt, das auf den eigenen kreativen Ergüssen basiert. Und nun wieder zum bedeutungsschwangeren Satz: Die 25-Jährige hat in den letzten Jahren mehr erlebt, als manch einer (sogar) in einem ganzen Leben. Das Debütalbum "Lungs", das zum Liebe-haben-Song gehört, ging komplett auf. Es ging erfolgstechnisch fast in Flammen auf. Es hörte auf, nur ein Traum, ersponnen in einem Mädelsschlafzimmer irgendwo in Südlondon, zu sein und machte sich auf die Reise in die Welt hinein. Gute Verkaufszahlen, Brit Award in in der Kategorie "Bestes Album" und rin inne Köppe der Leute auch außerhalb der britischen Heimat.
So schrieb die ehemalige Kunststudentin unter anderem einen Song für den Soundtrack zum Film "Eclipse" aus der "Twilight"-Saga ("Heavy In Your Arms"), sang bei der Verleihung der MTV VMAs ("Dog Days Are Over"). 2010 dann rauf auf die größten TV- und Live-Bühnen der Welt, ob "Saturday Night Live", "Good Morning America" oder die 53. Grammy Awards, bei denen sie selbst als "Best New Artist" nominiert war. Nicht unterschlagen möchte ich auch die 83. Academy Awards (das sind die Oscars). Sie. Eine Engländerin, die es doch sonst so schwer haben im US-amerikanischen gelobten Land, die Engländer(innen). Weil sie so ein stylisches Ding ist, gab's auch noch eine Einladung zu Anna Wintours jährlichem Met Ball. Das ist die, die seit gefühlten 246 Jahren als Chefredakteurin der US-amerikanischen Ausgabe der Vogue zu diktieren versucht, was und wer klamottentechnisch hot ist und wer sich gleich besser in den Staub werfe und auf immer dort verstecke. Oh, schrieb ich schon von Florences Auftritt bei der Verleihung des Friedensnobelpreises in Oslo? Huiuiuiuiui. Uiuiuiuiuiui.
Ungemein sphärisch
Also. Inzwischen ist sie wirklich überall gewesen, hat viel gesehen, gemacht, verdaut und wachsen lassen. Eindrücke, Lebensweisen, Menschen, die sie streiften, auch solche, die mehr in ihr hinterließen. Sie hat eine Menge mitgebracht fürs neue Werk namens "Ceremonials". Es ist "eine Ansammlung von Songs, die zusammen ein Bild von dem Punkt ergeben, an dem ich momentan in meinem Leben stehe", sagt Florence, aber natürlich sei es auch "dieses Mal eine ganz andere Nummer, so ein Album aufzunehmen, von dem du weißt, dass viele Menschen darauf warten."
Klar, viel Bekanntheit und Lob macht viel Druck, es wieder zu schaffen. Den scheint sie ohne Umschweife an uns weitergeben zu wollen. Mehr Druck vom Schlagzeug, krassere Bass-Sounds. Auch mit elektronischen Sounds wurde herumexperimentiert, das Endergebnis ist dennoch kein Dancefloorgehusche. Der Spagat hat gut geklappt, Erdigkeit reicht Tönen aus dem metallernen Scheppersack reicht fidelnden Violinen die Hand. Ungemein sphärisch. Und für den schönen Touch Wärme und Herz darf man sicherlich nebst Florences ungewöhnlicher Stimme (manchmal, einziges Manko, etwas zu theatralisch) auch der besonderen Produktionsstätte danken: "Ceremonials" entstand diesen Sommer im legendären Studio 3 der Abbey Road Studios, wo sich Florence mitsamt ihrer Band für fünf Wochen einquartierte. "Am allerwichtigsten ist mir, dass man sich als Zuhörer erstmal überwältigt davon fühlt", sagt Florence. Gelungen. Knock out.
Video-Clip: "Shake It Out"
"Ceremonials" von Florence + The Machine | 28. Oktober 2011


![CD-Cover Ceremonials [Quelle: Universal Music] CD-Cover Ceremonials [Quelle: Universal Music]](/bremenvier/musik/cd-der-woche/florenceandthemachine100_v-viertopteaser.jpg)