Mittwoch, 23. Mai 2012
Kettcar [Quelle: Grand Hotel van Cleef, Foto: Andreas Hornoff] Lupe

Kettcar legen mit "Zwischen den Runden" ein gelungenes viertes Studioalbum auf den Tresen.

CD-Tipp

"Kommt ein Mann in die Bar" - reimt sich auf Kettcar

Musikexpertin Christine Heuck nimmt sich die neue Platte der Hamburger Vierradpedalisten Kettcar vor. Unkonventionell, wie wir ihre Rezensionen schätzen, hilft uns Christine wie immer gekonnt beim Einsteigen in ein wundervolles, streckenweise etwas schwermütiges Album aus der Grand-Hotel-Manufaktur.


"Kommt ein Mann in die Bar"! Da möchte ich rufen: "Achtung, mein Vater erzählt wieder Witze!! Das kann dauern!! Gehet jetzt schnell oder gehet die nächsten Stunden nimmer mehr!!!" Dazu muss ich aber sagen, dass ich gar nicht ohne diese Witze-Erzählereien, immer frisch aus dem Dienst mitgebracht, meines Vater hätte aufwachsen wollen. Nur, dass es mich bis in diesen Text hineinverfolgt, mag ansatzweise zeigen, wie viele ich mir in etwa im Laufe meines Lebens anhörte. Gerne auch mal denselben in mehrfacher Ausführung, je nachdem, wieviel Besuch ich in den Tagen des neuesten "Kennste schon den?" bekam. Denn dann musste er natürlich, der Witz, erneut...


Tiefenstrahlung und Bodenständigkeit à la Grand Hotel

Coverausschnitt Kettcar [Quelle: Grand Hotel van Cleef]

Ausschnitt Albumcover

Ihr habt das nun, glaube ich, verstanden. "Kommt ein Mann in die Bar", das ist Track 5 des neuen Albums von Kettcar. Danke also, Marcus Wiebusch (Gesang, Gitarre), Reimer Bustorff (Bass, Gesang), Erik Langer (Gitarre, Gesang), Lars Wiebusch (ja, et is' der Bruder am Keyboard) und Christian Hake (seit 2010 am Schlagzeug) für diesen Anstoß zur assoziativen Schwelgung in besten Erinnerungen.


Und danke auch schon einmal für die erste Single "Im Club" vom  vierten Studioalbum, denn die ist einfach wunderbar. Hat Herz, hat Tiefe, strahlt stimmlich und musikalisch Wärme aus, aber auch Traurigkeit. Bodenständige Schwermut. Der kleine Kampf vergangener Tage und auch im gegenwärtigen Alltag, ob politisch auszulegen oder ganz einfach das eigene Leben mit seinen mannigfachen Normali- und Unnormalitäten  betreffend, die Gedankenspiele, die ein jeder von uns wohl kennt, über verlorene Dinge, aber auch das Glück direkt vor der Nase, all das durchströmt ja auch beim Kollegen Thees Uhlmann jeden Song, mit dem Marcus Wiebusch und Reimer Bustorff einst, vor 10 Jahren (happy Jubiläum!),  das Label Grand Hotel van Cleef gründeten, und da ähneln sie sich doch sehr.


Einfach mal fallen lassen

Kettcar [Quelle: Grand Hotel van Cleef, Foto: Andreas Hornoff]

Schön verschnörkelt hier, sehr direkt manchmal dort: "Wenn das der Frieden ist, musst du den Krieg nicht noch erfinden", heißt es beispielsweise in Kettcars "r.i.p.". Und um auf "Kommt ein Mann in die Bar" zurück zu kommen: Dieser Song ist weit davon entfernt, ein Witz zu sein, eher eins dieser Lieder, die in den unteren Regionen wirken, vielleicht ein Stück zu deprimierend und deprimiert sind, die aber machen, dass man anfängt, an sich heran zu lassen und auch einmal nachzudenken, wenn man sonst dazu geneigt ist, alles Schwere eher zu verdrängen. Und denken und fühlen auf eine Art, die näher dran ist an einem, als das, was uns en gros umgibt in einer ganz normalen Woche, das ist wichtig und viel wert. Was man draus macht, bleibt wie immer dem Rezipienten überlassen.


Hoffentlich etwas Positives letzten Endes, etwas Gutes und Glückbringendes, denn ich glaube kaum, dass Kettcar anstreben, uns depressiv zurückzulassen, es geht ums "Panzer knacken".  Und dann ist es auch okay, anschließend zu "Ai se eu te pego", dem "Nossa! Nossa"-Song von Michel Teló, fröhlich durch den Raum zu springen.


Liebt euch - auch wenn's flockt

Kettcar formten ja selbst schon vor Jahren, auf ihrem Debüt "Du und wieviel von deinen Freunden" den Satz "Aufstehen, atmen, anziehen und hingehen, zurückkommen, essen und einsehen zum Schluss, dass man weitermachen muss".  Mag auch das noch zu unfroh klingen, so sei gesagt, dass diese Platte nicht komplett anschließt an den Vorgänger "Sylt", zu dessen Songs man tatsächlich nur mit hängendem Kopf auf dem Sessel verweilen konnte.


So ist es auf "Zwischen den Runden" nicht ganz. Jede Runde im Leben ist anders, als die davor, und auch wenn das Niedergeschlagensein auf diesem Werk einen noch immer zu gewaltigen Teil einnimmt – tragende, schöne Melodien sind genauso zu finden wie ein besungener schöner Sonntagmorgen oder Liebe, die Bände durch Taten spricht, nicht allein durch Gefühle. Also, auch dem anderen in unschönen Situationen beizustehen. Den Sabberfaden des anderen am eigenen Ohr als sanftes Streicheln zu empfinden und jemanden ungeschminkt zu lieben, auch mit Kotze im Haar. Und diese dann sogar noch herauszupulen.


 

Video-Clip: "Im Club"

(Quelle: tape.tv)
 

"Zwischen den Runden" von Kettcar | 10. Februar





 


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