CD-Tipp
Fragile Verführung aus einer anderen Zeit
Da war sie auf einmal. Stand, sang und siegte. Zog mit "Video Games" in den Bann, wie es selten bei neuen Künstler/ innen der Fall ist. Diese Frau mit der außergewöhnlichen Aura, ob gemacht oder echt, kommt bezaubernd herüber. Und traurig. Und atmosphärisch. Und deprimierend und gleichzeitig in sanfte Ruhe hüllend.
Um im Land der Gegensätze noch ein bisschen weiter herumzufahren: Lanas Songs vereinen Fragilität mit einer entspannenden Stärke und dem verführerisch lockenden Zeigefinger, sich all dem hinzugeben. Sie hat Stimme, Look und ungespritzte Lippen, wie sie betont.
Wesen aus einer anderen Zeit
Sie hat mittlerweile auch einen Modelvertrag in der Tasche, dieses andere Wesen aus einer anderen Epoche. Irgendwie. Nennt sich selbst die "Gangsta-Nancy-Sinatra" und beschreibt ihr Genre als "Hollywood Pop/ Sadcore", eine dramatische neue Schwingung in der Popmusik. Etwas dick aufgetragen, wenngleich man sofort fassen kann, was sie meint und gestehen muss, es trifft ins Bull's Eye.
Who she is: Eigentlich heißt sie Lizzy Grant, ist in Lake Placid aufgewachsen, was an den äußeren Randgebieten des Staates New York liegt, inmitten eines Nationalparks und sechs Stunden von New York City entfernt. "Man bekommt dort so ein monumentales, nostalgisches Gefühl (...), aber das Leben ist auch sehr anstrengend dort, weil der Ort auf einem Tourismus aufgebaut wurde, den es heute nicht mehr gibt", sagt sie.
So wie ihre Musik? Die einer Zeit zu enstpringen scheint, die eigentlich längst vorüber? Das könnte der Schlüssel sein!
Der lange Weg nach New York
Das Leidvolle ihrer Songs mag auch darin begründet sein, dass sie mit 15 Jahren auf ein Internat in Connecticut geschickt, nein, wohl eher, wie sie es empfand, abgeschoben wurde. Dort zu leben, diese Erfahrung beschreibt sie selbst als "nach außen hin ganz schön, doch innen drin auch ganz schön fertig".
Mit 18 dann, nach dem Leben im verdörrten Gemüse, erfüllte sie sich schließlich den lebenslangen Traum: auf zum Big Apple. New York City. Hier das Glück gefunden, die innere Befreiung und eine Straße unter den Füßen, die ihr erlaubt, eigens gewählte Schritte zu gehen. "Jeder einzelne Tag, den ich aus der Tür heraus gehe, ist ein guter Tag. Ich mag einfach alles dort. New York belohnt mich großzügig für meine Liebe zu dieser Stadt." Und dann die Metamorphose zum eigentlichen Ich, angefangen damit, den Geburtsnamen in die Kiste zu legen.
Klar, man kann seine Vergangenheit nicht aus seinem tiefsten Inneren wegskalpieren, schließlich hat sie dich geformt. Aber jetzt – keine Auflagen mehr, keine Zwänge, außer den selbst gewählten, um zum Ziel zu kommen. Musik zu machen und sich damit Gehör zu verschaffen. Dass sie ihren Künstlernamen unter anderem anlehnte an Lana Turner, glamouröse und zugleich skandalträchtige US-amerikanische Schauspielerin (*1921, 1995 verstorben), drückt aus, was man nicht in weitere Worte fassen muss.
Hinzu kommen ihre Vorlieben für die skurrilen Filme David Lynchs, für Soundtracks zu Schwarzweiß-Filmen aus den 50ern, der schwirrende Sound des Riesenrads auf Coney Island, Ruhm an sich, Elvis Presley und Kurt Cobain. Was 'ne gehaltvolle Mischung!
Erstarkt am Gebrochensein
Coverausschnitt
Lana del Reys erste musikalische Handlung in New York: ab zu einer "Open Mic Night". Von einem verstummten, weil begeisterten Menschen zu einer Session eingeladen. Überhaupt waren alle verstummt nach ihrem Auftritt, Applaus gab's nicht– auch ein Statement. Kein schlechtes unbedingt. Es folgte das typische Auf und Ab im Musikgeschäft, durch das wohl die meisten Musiker hindurch müssen. Aber hält man durch, dann landet man unter anderem hier, bei uns, bei Bremen Vier.
What she does: Musik, die vom gebrochenen Herzen erzählt. Das, was weh tut, hat sie nicht verbannt, sondern zur Quelle ihres Schaffens gemacht. Ein Debütalbum voller Liebe und Kitsch, Melancholie, Leid und Kampf. Kampf habe "etwas sehr Schönes an sich. Jeder Kampf. Und ich spüre den Schmerz des Lebens". Sie erzähle in ihren Songs "von epischen, in Stücke zerlegten und in die Länge gezogenen Love-Stories", und sie will "den Zauber der Gefahr verstehen".
Verborgene Schätze und Überraschungen
Das ist mehr als melancholisch, oder? Das ist schon sehr auf der dunklen Seite beheimatet, aber um uns die Furcht vor dem Abtauchen in diese seelischen Gefilde zu nehmen: Letzten Endes stammen diese Songs auch von einer, die sich wünscht, was alle möchten: "Ich möchte jemanden finden, der starke Anziehung auf mich ausübt, mich aber nicht verletzen wird. Das ist hart."
Mündet aber auch in weniger deprimierend anmutenden Liedern auf dieser außergewöhnlichen Platte, als man es erwartet hätte. Außergewöhnlich soll in diesem Zusammenhang nicht so etwas bedeuten, was sich in Zeugnissen unter dem Schlüssel "sie war bemüht" versteckt – diese Platte birgt ein paar echte Schätze. Und lässt einen zuweilen an Florence and the Machine denken. Und ein Mal sogar an Kate Bush.
Past steps? Den Big Apple hat sie mittlerweile gegen London ausgetauscht, wo sie die meiste Zeit verbringt.
Next steps? Lana del Rey plant, mit den Schwergewichten des HipHop zu arbeiten, das sei schließlich die Basis von aufregender Popmusik. Überraschende Einflüsse fernab von der Machart der ersten Single "Video Games" auch schon auf diesem Werk hörbar.
Video-Clip: "Blue Jeans"
"Born To Die" von Lana del Rey | 27. Januar 2012


![Lana Del Rey [Quelle: Universal Music, Foto: Nicole Nodland] Lana Del Rey [Quelle: Universal Music, Foto: Nicole Nodland]](/bremenvier/programm/themen/popups/lanadelrey110_v-viertopteaser.jpg)