CD-Tipp
Geschichten, die die Kindheit schrieb...
Thees Uhlmann kann Geschichten erzählen. Und wie er das kann - wer sonst würde auf die Idee kommen, die Single seines ersten Soloalbums "Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf" zu nennen? Ein bisschen skurril, Stoff zum Nachdenken oder einfach nur real, denn Lachse ziehen zum Laichen und Sterben tatsächlich den Fluss hinauf!
Seit 1994 ist Thees der Sänger von Tomte und das bleibt er auch. Mit diesem Solo-Werk musste er sich Luft machen, so vieles beschäftigt ihn, da musste mal was raus.
In Form gebracht und in Töne verpackt fanden genau elf seiner Geschichten Platz auf diesem Longplayer. Dass Thees ein Erzähler und Schreiberling ist, ein Detail-Beobachter vor allem, sieht man nicht nur an seinen Songtexten, sondern auch an dem Buch "Wir könnten Freunde werden - Die Tocotronic-Tourtagebücher", das er 1999 zu Papier brachte, als er die befreundete Band Tocotronic auf ihrer Tour begleitete. Außerdem schrieb er unter anderem für Intro, Spex, Vision und den Musikexpress.
Kindheit aus dem Bilderbuch
Thees wuchs in dem Dorf Hemmoor auf - eine Kindheit, wie sie im Buche steht:
"Meine Kindheit war einfach wahnsinnig unkompliziert. In den Sommerferien sind wir morgens um acht aus dem Haus und abends um acht wieder zurückgekommen. Dazwischen haben wir den ganzen Tag Fußball gespielt, sind durch die Wälder gezogen oder haben uns eine Schlacht mit Maiskolben geliefert."
Seine Jugend ist ähnlich unbeschwert und geprägt von Heavy Metal - allerdings ohne die Möglichkeit, Konzerte besuchen zu können:
"Wir gingen in so ein Jugendzentrum im 40 Kilometer entfernten Freiburg an der Niederelbe. Da hatte jemand einen Kassettenrekorder, den haben wir in die Ecke gestellt, Metal-Mixtapes laufen lassen und gemosht. Das war so absurd, das würde Quentin Tarantino sich nicht ausdenken. Als wir dann wieder abgeholt wurden, konnten wir den Kopf nie heben, weil wir uns die komplette Nackenmuskulatur weggemosht hatten."
Der Geschichtenerzähler Thees Uhlmann
"Thees Uhlmann" ist ein sehr persönliches Werk vom Großwerden auf dem Dorf. Die meisten Ideen für die Songs hatte der Storyteller dann tatsächlich direkt in Hemmor, wo er zusammen mit seiner Tochter Lisa einige Zeit bei seiner Mutter verbrachte.
Eigentlich könnte das Album auch "Geschichten aus Hemmor" heißen – aber das wäre zu langweilig und trifft auch nicht den Kern von Thees' Wahrnehmung der Dinge. Also heißt es "Thees Uhlmann", und Thees schreibt von kurzen Nächten und frühem Aufstehen in "Die Nacht war kurz (ich stehe früh auf)"; er schreibt von Jay-Z, der uns in "& Jay Z singt uns ein Lied" Lieder im Radio singt, vom Losfahren irgendwohin, beziehungsweise Loslassen in "Die Toten auf dem Rücksitz" und von aufgemotzten Autos in "Sommer in der Stadt". Vom "Mädchen von Kasse 2", die mit der Buslinie 3 fährt, von Kühen, Fahrradfahren, starkem Wind, Schweinedisco, pünktlichem Essen in "Lat: 53.7 Lon: 9.11667", und in dem letzten Song seines Albums "Vom Delta bis zur Quelle" ist es offensichtlich, das Thees es mag, das Leben mit einem Fluß zu vergleichen.
Der Kreis schließt sich. Wasser, Fluß, Strömung, woher kommen und wohin gehen wir? Begonnen mit "Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluß hinaus" gelangen wir nach circa einer Stunde "Thees Uhlmann" mit "Vom Delta bis zur Quelle" tatsächlich zur Quelle.
In der Kürze eine spannende Reise und unbedingt weiterzuempfehlen.
Video "Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf"
"Thees Uhlmann" von Thees Uhlmann | 26. August 2011


![Thees Uhlmann [Quelle: pertramer.at] Thees Uhlmann [Quelle: pertramer.at]](/bremenvier/musik/cd-der-woche/theesuhlmann108_v-viertopteaser.jpg)