CD-Tipp
Catchy, ausgewogen, ein bisschen aus dem Zwergenland
Christine Heuck kennt eine nicht zählbare Menge an Bands, Bandprojekten, Sängern – die musikmachende Zunft eben. Twenty One Pilots waren ihr bis jetzt unbekannt. Umso unvoreingenommener konnte sie in die neue Scheibe reinhören, sich Lied für Lied näher an die Band heranpirschen, um dann ihr Urteil zu fällen, es heißt: "erfreulicher Output".
Twenty One Pilots? Nie davon gehört. Vielleicht durchgerutscht? Mag sein, manchmal ist es ja ein bisschen viel, was da auf dem Tisch landet. Biografie lesen? Nö, der beste Weg: unvoreingenommen reinhören, wenn sich da schon einmal die Chance bietet. Und sich dann komplett zum Deppen machen, hat man Grohl oder Bieber oder Gaga nicht erkannt.
Erstmal einfach nur "Vessel"
Ausschnitt Album-Cover
Also dann: Risikomodus ein und ab!
1. "Ode To Sleep": Catchy! Elektro trifft auf Rap, schwenkt um zu Funpop à la, tatsächlich, Fun. Und dann Muse-Rock. Verwirrend, aber gut! Singstimme klingt etwas nach Zwerg. Rapstimme auch. Das ist ein wenig schade.
2. "Holding On To You": Erneut hoch das Däumchen, wenn auch noch nicht der ganze Daumen. Wie leicht es ist, durch ein paar eingestreute Rhymes einen Song attraktiv sein zu lassen. Den Gedanken hatte ich schon oft und bin eigentlich immer seltener darauf reingefallen.
3. "Migraine": Das hier kann kein Debüt sein, dafür zu ausgewogen. Gleich drei Angenehme nacheinander. Oder bei anderen abgeguckt und einfach nur recycled? Zum Beispiel bei Eminem? Na, der wird von sich hören lassen, Jungs...
4. "House Of Gold": Hier trifft man sich mit der Band Train für eine Wanderung durch Berge. Folkig. Für mich nicht so fein, aber das ist Geschmackssache.
5. "Car Radio": Guter Beat, Storytelling durch Sprechgesang. Der Mann scheint etwas traurig. Getragener Track aber gut! Nach hinten raus gekonnt geschrieene Aggressionen. Klasse. Wenn nur...der Zwerg verschwinden würde.
6. "Semi-Automatic": Wer steckt bloß hinter dieser Band? Nun reihen sich auch noch 80er Synthiewellen in den schon vorhandenen Mischmasch ein. Ganz ehrlich, bei all den stilistischen Wechseln wird einem zuweilen wuschig, was nicht sexuell zu verstehen ist. Ob das gut ist, das mit dem "wuschig", da bin ich noch nicht sicher. Das war ich bei Devin Townsend auch nie.
7. "Screen": Läuft, reiht sich ein in oft Gehörtes. Aber natürlich wird hier erneut etwas eingefügt, diesmal ein leichter Reggae-Rhythmus. Kommt gleich noch Free Jazz?
8, 9 und 10: Läuft, reiht sich ein in die Vorangegangenen. Auch Marley betritt erneut die Tanzfläche und kniebeugt sich gekonnt mit schwingenden Rastahaaren durch einen Rappart.
11. "Trees": Ein schöner "Fast-Letzter". Genau genommen also der Vorletzte. Könnte auf der Stelle als Filmtiteltrack zu einem Schweiger durchgehen. Womit wir die nächste Assoziation hätten: One Republic oder The Script.
12. "Truce": Ballade, die einzige auf dem Album. Nichts Aufregendes, aber tut auch nicht weh.
Geht: Depressiv und trotzdem fröhlich
Und nun zur Auflösung: Twenty One Pilots sind zwei Typen namens Tyler Joseph und Josh Dun, aus Columbus, der Hauptstadt von Ohio, seit 2009 zusammen und unzählige Livesets vollbracht, die nun ein wirklich herausstechendes Album kreiert haben. Und in der Tat ist dies ihr erstes. Hut ab. Da es allerdings ihr erstes unter Vertrag ist und schon zwei ungesignte Alben aufgenommen wurden, halben Hut wieder zurück, denn da hat natürlich schon viel Training stattgefunden. Ihr Label beherbergt übrigens auch Gym Class Heroes, auch da eine kleine Parallele, aber das nur am Rande. Und die schon erwähnte Band Fun., aber auch das nur so nebenbei...
Ein Teil ihrer Philosphie trifft genau ins Zentrum des ersten Höreindrucks, den immens aufeinandertreffenden unterschiedlichen Einflüssen: "You can be depressed and still have joy. You can be suicidal and still have joy." Ihre Erkenntnis, die damit Hand in Hand geht, Freude empfinden und glücklich sein seien zwei unterschiedliche Dinge, das eine sei möglich, auch wenn das andere nicht gegeben ist, ist hörbar und nimmt uns bei diesem Werk mit auf eine Reise, die ganz genau diese Kontrahenten in sich birgt: "We all have to push through unhappiness to find joy." Verstanden? Macht nichts, falls nicht, dann einfach hineinhören und sich über diesen Output freuen und die unterschiedlichen Gewalten walten lassen.
Video-Clip: "Holding On To You"
"Vessel" von Twenty One Pilots | 11. Januar 2013


![Twenty One Pilots [Quelle: Warner Music] Twenty One Pilots [Quelle: Warner Music]](/bremenvier/musik/cd-der-woche/twentyonepilots104_v-viertopteaser.jpg)