Dienstag, 24. Oktober 2017
Ulrich Wickert [Quelle: Imago, Foto: Teutopress] Lupe

Ulrich Wickert im Jahr 1993

90er-Tag

Ulrich Wickert im Interview

Wer die 90er-Jahre erlebt hat, für den klingen Fernsehnachrichten wie Ulrich Wickert: Die eigenwilligen Betonungen und Pausen, der beruhigende Augenaufschlag und am Ende immer "einen angenehmen Abend und eine geruhsame Nacht" - der Wickert-Sound hat die Tagesthemen der ARD von 1991 bis 2006 geprägt, und man hat bis heute seine Stimme im Kopf, wenn man an die großen Weltereignisse der 90er denkt. Ulrich Wickert mag früher aus Washington und Paris berichtet haben - wir sehen ihn immer vor der glitzernden Weltkarte des Tagesthemen-Studios sitzen.



Wir konnten den fröhlichen Fernsehrentner Ulrich Wickert an die Strippe bekommen und haben ihn zu den Unterschieden zwischen den 90ern und der Gegenwart befragt.


Wir lieben die 90er-Jahre vor allem, weil sie so bunt und so schräg waren. Wie waren die 90er aus Sicht eines Nachrichtenmannes?


Für einen politischen Journalisten fangen die 90er-Jahre natürlich mit der deutschen Einheit an. Das war wirklich sehr schräg, weil es kein Mensch erwartet hat.


War das auch das Ereignis, das das Jahrzehnt am meisten geprägt hat?


Ja, mit den ganzen Folgen, die danach gekommen sind. Ich hatte das große Glück, dass ich 1991 angefangen habe, die Tagesthemen zu moderieren, bis dahin war ich Auslandskorrespondent. Ich kam nach 14 Jahren zu einem Zeitpunkt nach Deutschland zurück, als die deutsche Politik das spannendste für einen deutschen Journalisten überhaupt war. Und dann entwickelten sich ja ganz viele Dinge: Mit dem Fallen des Eisernen Vorhangs zerbrach das Sowjetreich und es gab eine völlige Neuordnung des Ostens.


Wenn Sie die Weltlage heute mit den 90er-Jahren vergleichen: War damals alles besser?


Eigentlich war am Beginn der 90er-Jahre alles viel schwieriger als jetzt. Es wurde zwar zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit massiv abgerüstet, aber dem folgten eine ganze Reihe blutiger Auseinandersetzungen. Denken Sie an den Bosnienkrieg, die Auseinandersetzung um das Kosovo. Ich würde sagen: Wir haben jetzt Probleme, aber die sind im Vergleich zu dem, was in den 90er-Jahren passiert ist, doch relativ gering.


Einige Probleme wiederholen sich, die Fremdenfeindlichkeit zum Beispiel.


Ulrich Wickert [Quelle: Imago, Future Image]

Ulrich Wickert 2016

Auch das, würde ich sagen, war in den 90er-Jahren viel schlimmer. Erinnern Sie sich an Hoyerswerda, an Solingen, wo Menschen durch Attentate rerchtsradikaler Gewalttäter verbrannt wurden! Wir haben das jetzt auch noch, aber jetzt brennen sie leere Flüchtligsheime ab. Damals sind Leute umgekommen, furchbar!


Wenn man die 90er-Jahre um Rat fragen würde, was könnten wir von ihnen lernen?


Vom Anfang der 90er-Jahre können wir lernen: Frieden ist möglich.


Bei der kommenden Bundestagswahl könnte wie Ende der 90er-Jahre ein Machtwechsel passieren. Ist die Ausgangslage vergleichbar?


Nein, die Ausgansglage ist nicht vergleichbar. Damals war Kohl schon ewig im Amt, es gab tatsächlich einen Wunsch nach Wechsel. Zum zweiten war Gerhard Schröder als Kanzlerkandidat sehr beliebt. Es gab damals den Wunsch: Wir wollen Kohl nicht mehr. Und das spürt man im Augenblick nicht. Es gibt Leute, die sagen: Wir wollen Schulz! Aber die Leute sagen nicht: Merkel muss weg.


Haben Sie eine persönliche Lieblingsnachricht, eine Lieblingsmeldung aus den 90ern?


Man erinnert sich ja meistens eher an die gewaltigen, die schrecklichen Dinge. Aber ich wähle etwas positives: Der Friedensschluss, der durch die Dayton-Verhandlungen zustande kam. Dass die Auseinandersetzungen in Bosnien, die zu unglaublich vielen Toten geführt haben, zu Ende waren. Das Problem ist nur: Man erinnert sich an all die Greuel, die davor stattgefunden haben. Deswegen ist ein solcher Friedensschluss zwar etwas wunderbares, aber man hat immer im Kopf, was vorher gewesen ist.



Thema im Programm: Bremen Vier, 31. März, 12:30 Uhr






 


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