Gastarbeiterkinder
In den 60er und 70er Jahren sind die ersten Gastarbeiter aus der Türkei nach Deutschland gekommen. Ihre Kinder haben sie oft zurückgelassen – bei den Großeltern. Manche Kinder kamen dann später nach – eine Begegnung mit einem leicht faden Beigeschmack. buten un binnen hat einige von ihnen getroffen.
Bericht von buten un binnen vom 3. Dezember 2012:
Video: Generation Koffer
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Ayhan Zeytin ist von seinen Eltern verlassen worden. Sie träumten von Wohlstand in Deutschland. Von einem Haus. Dafür arbeitete der Vater an einem Hochofen bei den Bremer Stahlwerken, die Mutter folgte dem Vater später und war in einer Textilfirma beschäftigt. Ayhan und seine zwei Brüder blieben zurück bei der Oma. Nur die große Schwester reiste mit nach Bremen.
"Das war schon ein komisches Gefühl: Plötzlich waren die Eltern nicht mehr da, die Schwester auch nicht. Nachts hatte ich immer bei meiner Mutter geschlafen, gekuschelt – und plötzlich war das vorbei. Kein Kuscheln mehr, nichts." Auch einfach anrufen, mal die Stimme hören – ging nicht. Denn die Oma hatte kein Telefon. Ayhan schrieb seiner Mutter Briefe, und einmal im Jahr kamen die Eltern zu Besuch. Dabei fehlten sie ihm jeden Tag. "Wir haben auf der Straße Fußball gespielt, hatten Trikots an, und ein Junge hatte eine Nummer auf dem Rücken. Er sagte: 'Guck' mal, hat meine Mutter angenäht.' Ich hatte keine Mutter, sie war in Deutschland, das tat schon weh."
Gastarbeiterkinder
Die Kinder sind zwischen 1975 und 1985 aus der Türkei nach Deutschland eingewandert. Ursprünglich hatten die Eltern vor, für etwa drei Jahre in Deutschland zu arbeiten, um Geld zusammenzusparen und dann in die Türkei zurückzukehren. .
Autorin Gülcin Wilhelm hat sich im Buch "Generation Koffer" mit dem Schicksal der Gastarbeiterkinder befasst. Etwa 700.000 Gastarbeiterkinder lebten in der Türkei bei Verwandten. Autorin Wilhelm sagt, dass sie alle ein zwiespältiges Verhältnis zu ihren Eltern haben. Sie fühlen sich im Stich gelassen und betrogen. Das habe noch heute Folgen: Diese Generation könnten ihre Kinder nicht loslassen, aus Angst, sie zu verlieren.
Auch Fatos Atali-Timmer wurde von ihren Eltern verlassen. Obwohl sie sich bei ihren Großeltern sehr wohl fühlte, fehlten ihr die Eltern sehr. "Was sehr weh getan hat, sind die Muttertage. Der Tag wird in der Türkei in der Schule groß gefeiert, ich wollte immer ein Gedicht aufsagen. Das habe ich dann auch gemacht – aber ich habe es heulend gemacht." Die Sehnsucht nach ihrer Mutter wurde immer größer, Deutschland erschien als Märchenland. "Ich hatte mir so ein Bild gemalt, wenn Mama da wäre, wäre alles schöner. Aber als ich dann hier war, da merkte ich, es ist kein idealisiertes Leben, wie ich mir das ausgemalt hatte. Auch nicht mit meiner Mutter."
Kofferkinder werden in diesem Buch behandelt.
Ayhan Zeytin kam mit 15 Jahren nach Bremen. Sein Vater sprach einen Monat lang nicht mit seinem Sohn. Auch Autorin Wilhelm hat bei ihren Buchrecherchen viele Gastarbeiterkinder getroffen, deren Eltern ihre Kinder nicht einmal angefasst haben: "Die Kinder wurden nicht verwöhnt, nicht einmal umarmt."
Inzwischen versteht sich Zeytin wieder gut mit seinen Eltern, aber ihr ambivalentes Verhältnis spricht keiner an. "Darüber wird eigentlich überhaupt nicht geredet, ich habe auch kein Bedürfnis, mit ihnen darüber zu sprechen." Und Anali-Timmers Mutter sagte ihr auch nur einmal, dass es ihr größter Fehler gewesen sei, ihre Tochter in der Türkei zurückzulassen. Den Preis vom Traum eines besseren Lebens zahlen noch heute zahlreiche Familien.
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