27. Februar 2013, 23:30 Uhr | rbb Fernsehen
Mein Leben
"Das allein auf die Produktion ausgerichtete Denken, das der Westen propagiert, hat die Welt in eine Krise gestürzt, aus der sie sich nur befreien kann, wenn sie einen radikalen Bruch mit dem Drang nach "immer mehr" vollzieht, im Finanzsektor, in Wissenschaft und Technik. Es ist höchste Zeit, dass die Sorge um Ethik, Gerechtigkeit und ein dauerhaftes Gleichgewicht in den Vordergrund tritt."
Diese Sätze, aus einem kleinen Essay, der im Oktober 2010 in Frankreich erschien, bewegt Frankreich. Eine Million verkaufte Exemplare des schmalen Bändchens zeigen, wie sehr der 95jährige Autor Stéphane Hessel den Nerv der Zeit getroffen hat.
Doch wer war dieser Mann, der in den Medien gerne als das moralische Gewissen Frankreichs bezeichnet wird?
2009 hat Radio Bremen ihn für die Arte-Reihe "Ma Vie" porträtiert.
Stéphane Hessel wird im Oktober 1917 in Berlin, als zweiter Sohn von Helen Grund, einer Malerin und späteren Modejournalistin und Franz Hessel, einem Schriftsteller und Lebenskünstler aus reichem Hause geboren.
Mit sieben Jahren zieht er mit der Mutter nach Paris und wächst in Künstlerkreisen auf. Mit 20 Jahren lässt er sich einbürgern.
1941 geht er nach London, um sich dem Widerstand um General de Gaulle anzuschließen und kehrt im Auftrag der Résistance mit einem Spionageauftrag nach Paris zurück. Dort wird er 1944 verhaftet. 29 Tage lang verhört und foltert ihn die Gestapo in der Avenue Foch. Schließlich wird er mit 35 weiteren Widerstandskämpfern nach Buchenwald deportiert. Nur vier von ihnen werden überleben. Hessel gelingt das mit Hilfe von Eugen Kogon, der einen Identitätstausch im KZ vornimmt. Der ausgewählte Todkranke, ein französischer Häftling, stirbt genau an Stéphanes 27. Geburtstag 1944.
Er überlebt drei deutsche KZ und empfindet fortan die Verpflichtung sein Leben in den Dienst der Menschenrechte zu stellen. Deshalb beendet er zwar sein Studium der Philosophie, entscheidet sich dann jedoch für den diplomatischen Dienst. In New York lernt er Henri Laugier kennen, den stellvertretenden Generalsekretär der Vereinten Nationen. Der nimmt Stéphane Hessel kurzerhand in seine Mannschaft auf. Die Weltorganisation steht in ihren Anfängen für all jene Ideale, denen Hessel sich Zeit seines Lebens verbunden fühlen wird: eine Welt ohne Atombomben, ohne Konzentrationslager, ohne Imperialismus, eine Welt, in der die Menschenrechte eingehalten werden. Er ist an der Redaktion des ersten Teils der Menschenrechtscharta beteiligt, deren Verabschiedung für ihn zu den bewegendsten Momenten seines Lebens zählt.
Für die UNO und das französische Außenministerium bereist er die Welt, treibt die Entkolonialisierung voran, vermittelt in Konflikten engagiert sich, wo er Ungerechtigkeit wahrnimmt.
Das offizielle Ende seiner Berufstätigkeit bedeutet keineswegs, das Ende seines Engagements. Er, der überzeugte Europäer, der sich auch als politisch aktiver Internationalist bezeichnet, will trotz vieler Enttäuschungen und Niederlagen, die Hoffnung nicht aufgeben, dass die Ziele, die sich die Vereinten Nationen bei ihrer Gründung gegeben haben, doch noch erreicht werden. Die Kultur der Gewalt sei nicht mehr erfolgreich und diese Erkenntnis werde sich durchsetzen, ist er überzeugt. Der Vorwurf, naiv zu sein, trifft ihn nicht, erscheint bei einem Mann seiner Erfahrung jedoch auch gänzlich unangebracht. Er ist sich bewusst, dass er ein Ausnahmeleben geführt hat und sieht sich selbst als einen Privilegierten und – trotz seiner Erfahrungen im KZ – als ein Glückskind.
Ein Anliegen sind dem 93jährigen bis heute die Menschenrechte. Er engagiert sich für die illegal Eingewanderten und ist Vermittler im Kampf der sans papiers - der Flüchtlinge ohne Aufenthaltserlaubnis - mit den französischen Behörden. Ob in seiner Heimat Frankreich, in Afrika oder Israel, seine Stimme hat Gewicht.
Hessel lebt mit seiner zweiten Frau Christiane in Paris. Er hat drei Kinder und sieben Enkel. Er liebt die Malerei, aber ganz besonders die Poesie. Es bereitet ihm großes Vergnügen, Gedichte aufzusagen und obwohl er über ein großes Repertoire verfügt, lernt der 93jährige noch immer neue.
"Sein Leben leben heißt, auf die Augenblicke aus denen es besteht, zuzugehen" meint Stephane Hessel. "Sein Leben zu erzählen, heißt, sich diese Augenblicke zu vergegenwärtigen." An diesem Prozess der Vergegenwärtigung möchten wir die Zuschauer gerne teilhaben lassen. Seine Biographie regt an, das eigene Tun, zu überdenken und sich der Verantwortung für andere bewusst zu werden. Gerade in einer Zeit, wo die Gesellschaft sich immer mehr polarisiert, der Unterschied zwischen arm und reich immer größer wird und die Ungerechtigkeit zunimmt, macht sein Beispiel Mut und Lust, sich dem Wesentlichen zuzuwenden.
In der Nacht des 27. Februar 2013 verstarb Stéphane Hessel im Alter von 95 Jahren.
Ein Film von Mechthild Lehning.
Info: Produktionen
![TV-Kamera im RBTV-Studio [Quelle: Radio Bremen, Sebastian Ruholl] TV-Kamera im RBTV-Studio [Quelle: Radio Bremen, Sebastian Ruholl]](/fernsehen/produktionen/kamera104_v-mediateaser.jpg)
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