13. August 2011, 11:00 Uhr | BR-alpha
An der Nordseeküste
Für die Niederländer ist die Küste, wie hier bei Domburg, nichts Ewiges, sondern immer nur das vorläufige Ergebnis des Ringens zwischen Mensch und Meer.
Für die Niederländer bedeutet Küste nichts Feststehendes, nichts Ewiges. Fast die Hälfte des Landes war einmal Wasser, war Teil der Nordsee und wurde dem Meer in jahrhundertelanger Arbeit abgerungen: Polderland, das tiefer liegt als der Meeresspiegel, und nur durch Deiche und Hunderte von Pumpwerken trocken gehalten wird. Pumpen oder Absaufen, sagen die Niederländer. Würde man die Pumpwerke abschalten, müssten zwei Drittel der Niederländer ihre Dörfer und Städte verlassen.
Kein Land in Europa ist so geprägt vom ständigen Kampf mit der Nordsee. Vor allem im Süden, wo die Küste vorne von kilometerbreiten Meeresarmen unterbrochen und das Land dahinter von zahllosen Rheinarmen, von Maas und von Schelde durchzogen wird, leben viele Menschen mit der ständigen Sorge vor dem Wasser. Schon die Schulkinder werden darauf vorbereitet, dass die Nordsee nicht nur schön, sondern auch gefährlich sein kann. "Wir leben im sichersten Flussdelta der Welt", sagt der Delfter Küstenforscher Marcel Stive, "aber wenn etwas schief geht, geht es richtig schief."
Stive arbeitet daran, dass die Deiche und Sturmflutwehre noch stabiler werden, noch sicherer, noch sturmfester. Dabei gelten die holländischen Deiche schon heute als die besten und sichersten. Doch für Küstenforscher Stive bleibt es eine zentrale Frage, ob die Niederländer auch in 50 oder 100 Jahren noch in ihrer Heimat leben können. Ob es gelingt, dem Klimawandel und dem Anstieg der Meeresspiegel Paroli zu bieten? "Zu vertretbaren Kosten," wie er sagt.
Die allermeisten Niederländer haben daran keinen Zweifel. Sie vertrauen darauf, dass den Ingenieuren schon etwas einfallen wird. So wie ihnen bisher immer etwas eingefallen ist. Zum Beispiel Häuser, die zwar fest auf dem Boden stehen, bei Hochwasser aber schwimmen können. Solche Häuser gibt es inzwischen und ihre Bewohner fühlen sich nicht nur besonders sicher, sie genießen auch die Möglichkeit, unmittelbar am Wasser zu wohnen. Denn normale Häuser dürfen in den Niederlanden nur hinterm Deich gebaut werden.
Für die Strandräuber auf den Wattinseln im Norden kommen solche Häuser nicht in Frage. Dafür ist das Meer dort oben einfach zu rau. "Das muss auch so sein," meint Maarten Brugge, der jüngste Strandräuber von Texel, "die Stürme sorgen dafür, dass das Meer immer etwas anspült." Außerdem sei die stürmische See wichtig für das Lebensgefühl dort oben: "Ich mag die Nordsee, weil sie wild ist."
Ein Film von Alois Berger.
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