Tatort: Ordnung im Lot
Frau Prietzel, Herr Henning, im Tatort "Ordnung im Lot" von Radio Bremen steht eine Frau mit einer paranoiden Schizophrenie im Mittelpunkt, die den Hauptkommissaren ein Rätsel ist. Wie sind Sie auf das Thema Ihres Films gekommen?
Peter Henning: Das sind persönliche Erlebnisse. Wir kennen eine Familie, in der das so passiert ist und haben das über mehrere Jahre einfach miterlebt und mitverfolgt. Das war sehr beeindruckend. Ich glaube, bei uns ist es eh so, dass wir immer Filme machen, die irgendwie mit dem zu tun haben, was wir auch erleben.
Claudia Prietzel: Wenn man sich mal die Geschichte unserer Filme anguckt, haben wir immer einen bestimmten Fokus auf diese Welt und auf unsere Gesellschaft. Und die Strukturen, die sich in Familien bilden, sind eigentlich ein Spiegelbild der Gesellschaft, im Kleinen.
Sie haben das Buch geschrieben und Regie geführt. Wie lange hat der Prozess gedauert, von der Idee bis zur Umsetzung?
Claudia Prietzel: Es hat lange gedauert, fast zwei Jahre vom ersten Entwurf des Buches bis zu den Dreharbeiten.
Warum haben Sie sich gezielt für das Genre des Krimis entschieden?
Peter Henning: Wenn man sich vorstellt, man ist 90 Minuten nur mit einer deformierten, klaustrophobischen Situation konfrontiert, ist das sehr anstrengend. Wenn der Zuschauer aber über den Kommissar in eine solche Familie hineingerät und erstmal das gar nicht so richtig bemerkt, sondern nur so ein bisschen skurril findet, nimmt das den Zuschauer natürlich viel sanfter mit rein, macht ihn auch viel neugieriger und er hat jetzt nicht das Gefühl, die ganze Zeit deprimiert sein zu müssen und zu leiden unter dieser schwierigen Familie. Und dann sind auch Zuschauer, die sagen würde "Oh Gott, was für ein schwieriger Film, da schalte ich jetzt ab!", schon mittendrin. Deswegen ist natürlich auch der Tatort für sehr schwierige Themen ein gutes Format.
Claudia Prietzel: … und in dem Fall waren dann eben drei Aspekte sehr interessant. Als erstes, dass der Kommissar als MEIN BLICK fungiert, also mit demselben Staunen und derselben Hilflosigkeit. Als zweites, dass wir natürlich den auslösenden Moment des Mordes als einen sehr guten Moment dramaturgisch benutzen können, um eine solche Familie zu triggern. Also, psychisch erkrankte Menschen brauchen ja immer einen Trigger, also Schlüsselreiz. Und der Mord ist natürlich hier ein sehr starker Faktor. Und drittens hat man in einem Tatort auch immer die Möglichkeit, Parallelgeschichten zu erzählen. So liegt der Fokus hier nicht nur auf einer Familie, sondern auf zweien, die sehr miteinander verkettet sind.
Worin lag für Sie beim Schreiben die größte Herausforderung?
Claudia Prietzel: Der Versuch, in die Welt einer an paranoider Schizophrenie erkrankten Person zu treten und wirklich zu versuchen, zu verstehen, wie der Bezug zur Welt langsam verloren geht, war sehr faszinierend. Wie tatsächlich nicht nur die Sprache anfängt, sich aufzulösen, wie die ganze Ordnung der Welt aus den Fugen gerät. Deshalb heißt der Tatort ja auch "Ordnung im Lot". Es gibt in Berlin ein phantastisches Archiv des Studiengangs Psychologie mit Fallbeispielen und da habe ich faszinierende Monate verbracht.
Peter Henning: Bei mir war das ein bisschen anders. Während wir an dem Buch geschrieben haben, sind diese ganzen Dinge in meinem Umfeld passiert. Von daher war bei mir von vornherein der Fokus mehr: Wie gehe ich damit um? Diesen Prozess zu beschreiben und das Ganze natürlich dann erfahrbar zu machen, in diese Tatort-Struktur reinzubringen und dabei emotional bleibt und nicht zu erklärend wird, ist natürlich auch sehr komplex.
Claudia Prietzel: Dieser Film, auf absurde Art und Weise geht der um Liebe. Also, wie weit helfe ich mit meiner Liebe einem kranken Menschen oder wie weit bugsiere ich den eigentlich durch meine Hilfe, durch meine Liebe immer mehr in die Enge? Das Krankheitsbild der paranoiden Schizophrenie ist ja ganz klar: Diese Menschen erleben eine komplette Reizüberflutung und haben deshalb überhaupt keine Orientierung mehr, weil eben ein System nicht mehr funktioniert, weil alles gleich bedeutend und gleich wichtig ist. Das muss man sich so vorstellen, dass man in einem Raum sitzt, dass, wenn ich mich bewege oder Sie das Mikro etwas wegziehen oder hinten jemand vorbei geht oder ich draußen ein Auto vorbei fahren höre: Alles hat eine gleiche Bedeutung. Irgendwann bricht das zusammen im Kopf.
Peter Henning: Das Verrückte ist ja, dass man das bei sich selbst entdeckt. Wir versuchen, uns an die Umwelt anzupassen, und schaffen das ja manchmal auch nicht so im Kleinen. Wir haben ja so ein Sensorium, um das immer wieder hinzukriegen. Aber bei den Betroffenen funktioniert das ab einem gewissen Punkt nicht mehr. Das Eis ist hier sehr dünn. Es kann im Grunde jedem passieren.
Offiziellen Angaben zufolge gibt es bundesweit rund 4,5 Millionen Menschen, die psychisch krank sind. Die Dunkelziffer liegt weitaus höher. Sie beschreiben also tatsächlich ein gesellschaftliches Phänomen.
Claudia Prietzel: Das muss man sich vorstellen: Das sind 4,5 Millionen Menschen, die Angehörige haben! Das heißt, das sind Mütter, Väter, Söhne, Brüder. Diese ganzen Familien erleben ja genau so ein Trauma wie die eigentlich Betroffenen. Das ist natürlich Wahnsinn.
Peter Henning: Wir erleben es gerade im Sport, beispielsweise im Fußball. Wir haben plötzlich Selbstmorde von Fußballspielern, die talentiert sind, die gut sind. Also irgendwas, das merken wir auch, passiert in der Gesellschaft, dass viel zu viele Menschen einfach überfordert sind.
Jetzt komme ich mal auf die Dreharbeiten zu sprechen. Wie haben Sie mit den Schauspielern gearbeitet?
Peter Henning: Mit den Hauptfiguren des Films, also den beiden Familien und den Kommissaren, haben wir vorher geprobt, teilweise auch Improvisationen gemacht, weil man ja in dieses Gefühl herein muss. Mit der psychisch kranken Frau, die die Schauspielerin Mira Partecke wunderbar spielt, haben wir sehr langen Kontakt gehabt. Wir haben uns einmal die Woche getroffen und einfach nur darüber gesprochen, was diese psychische Erkrankung bedeutet. Weil man ja praktisch etwas Neues lernen muss. Also die Schauspieler müssen da eine neue Sprache lernen. Sobald wir dann aber Mira hatten, war natürlich klar, dass die anderen auch auf sie reagieren. Das ist übrigens grundsätzlich unser Stil, jeder Figur ihren emotionalen Raum zu geben. Also nicht nur mit der Fassade zu arbeiten, sondern auch zu gucken, was steckt da eigentlich an alten Verletzungen in Personen drin. Das geht hin bis auch zu kleineren Rollen. Dadurch werden die Figuren lebendig.
Claudia Prietzel: Wir haben hauptsächlich die Beziehungen der Figuren untereinander beobachtet. Das war der Hauptfokus bei den Proben und das hat einen riesen Spaß gemacht und war dann auch eine wichtige Basis, um dann auch im Dreh relativ zügig arbeiten zu können. Der Druck während der Dreharbeiten ist ja enorm und da kann man ja solche Feinheiten fast gar nicht mehr entwickeln.
Sie haben sich mit Mira Partecke für eine Theaterschauspielerin entschieden und der Radio Bremen-Tatort "Ordnung im Lot" ist ihr erster Tatort. Das erscheint mir sehr mutig.
Peter Henning: Wir haben einen Low-Budget-Film mit ihr gesehen und sofort erkannt, dass sie diese Durchlässigkeit hat und bereit ist, auch wahnsinnige Risiken einzugehen. Und das hat sich auch sehr schnell komplett bestätigt. Man muss ja die Situation begreifen, in der so ein Mensch ist. Man muss auch dazu in der Lage sein, in einen anderen Menschen reinzukriechen. Auch Wolfram Koch, der den Vater spielt, ist ja ein echter Theaterstar. Theaterschauspieler haben einfach mehr Möglichkeiten, sich ganz fremde Mittel anzueignen, weil man das im Theater alltäglich tut, während sehr viele Fernsehschauspieler das nicht beherrschen. Alle Schauspieler, die in diesem Film mitspielen, können das und spielen auch sehr viel Theater.
Claudia Prietzel: Ich glaube, unsere Entscheidung war viel weniger mutig als der Mut der Schauspielerin, diese Rolle anzunehmen. Sie war ein richtiger Glückstreffer!
Frau Prietzel und Herr Henning, vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Anna Tollkötter.
Info: Tatort
Die Krimireihe "Tatort" ist eine Gemeinschaftsproduktion der ARD. In den von Radio Bremen produzierten Folgen ermitteln die Kommissare Inga Lürsen (Sabine Postel) und Stedefreund (Oliver Mommsen). Mehr...
Das Tatort-Quiz
Seit vielen Jahren schon sorgt der Bremer Tatort im Wechsel mit den Tatorten der anderen Rundfunkanstalten jeden Sonntagabend ab 20:15 Uhr für Krimiatmosphäre in den deutschen Wohnzimmern. Grund genug also, ihr Wissen über den Bremer Teil der deutschen Fernsehgeschichte zu testen. Vielleicht lernen sie ja sogar ein paar neue, interessante Details kennen. Mehr...
Alle Fälle
Jetzt läuft
Radio Bremen TV heute
| 00:00 | NDR-Programm |
| 18:00 | buten un binnen um 6 |
| 18:10 | Wetter |
| 18:15 | NDR-Programm |
| 18:45 | Ansichten |
| 18:55 | Nachrichten in Gebärdensprache |
| 19:00 | Nordländer |
| 19:15 | Sportblitz |
| 19:25 | Wetter |
| 19:30 | buten un binnen Magazin |
| 20:00 | NDR-Programm |
Fernsehen von A bis Z
radiobremen.de nun auch mobil
Seit dem 25. Februar 2013 ist der Radio-Bremen-Web-Auftritt unter der Adresse "m.radiobremen.de" auch mobil abrufbar. 40 Prozent der Bundesbürger haben inzwischen ein Smartphone oder Tablet und über die Hälfte der Internetnutzer greifen mobil auf das Web zu. Aus diesem Grund war es ein Gebot der Stunde, unseren Online-Auftritt diesen veränderten Nutzungsgewohnheiten anzupassen und eine mobile Version an den Start zu bringen. Mehr...
Barrierefreie Angebote bei Radio Bremen und in der ARD
Audiodeskription und Untertitel ermöglichen die Erweiterung des Fernsehangebots für blinde, sehbehinderte sowie gehörlose und schwerhörige Zuschauerinnen und Zuschauer. Mehr...
Suche
Durchsuchen Sie den Bereich Fernsehen nach Ihrem Stichwort:
Jetzt auf radiobremen.de
Titanic sticht wieder in See: Australischer Milliardär will Megadampfer nachbauen
Krise der Gesundheit Nord: SPD fordert Finanzkonzept für städtische Kliniken
Werder Bremen: Sportdirektor plant mit Arnautovic und Elia
Neuer Trainer vorgestellt: Robin Dutt: "Werder ist Euphorie pur!"