Tatort: Ordnung im Lot
Frau Wiegand-Grefe, Sie arbeiten am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf als Psychologin und Psychoanalytikerin. Im Tatort "Ordnung im Lot" von Radio Bremen begegnet dem Zuschauer eine Frau, die augenscheinlich psychische Probleme hat. Nun lenkt der Tatort den Blick nicht nur auf die erkrankte Frau, sondern auch auf ihr familiäres Umfeld. So versucht der 16-jährige Sohn die Erkrankung der Mutter vor den Kommissaren zu verheimlichen und der Ehemann scheint die Erkrankung seiner Frau zu verdrängen. Entspricht dieses Verhalten der Realität?
Absolut. Das ist absolut realistisch dargestellt in all seinen Fassetten. Beim Sohn zum Beispiel, wie er der Mutter am Anfang sehr verbunden ist, sie schützen möchte, sich sozusagen schützend vor sie stellt. Auch, wie er in der Familie sehr erwachsen elterliche Aufgaben übernimmt, also dieses parentifizierte Phänomen, wo er sehr in die Nähe der Mutter agiert und reagiert, quasi schon als weiterer Partner der Mutter. Auch, wie feinfühlig und sensibel er sie versteht im Unterschied zu vielen anderen. Das ist sehr, sehr realistisch, dass die Kinder sich oftmals sehr gut einfühlen können und eine sehr symbiotische Beziehung zu dem erkrankten Elternteil haben. Was aber auch sehr häufig vorkommt, ist, dass die Kinder irgendwann an einen Punkt kommen, wo sie sagen "Ihr könnt mich mal!", noch dazu, wenn sie in der Pubertät sind, wo realisiert und reflektiert wird, was da eigentlich passiert in der Familie. Der Sohn hat das ganz großartig dargestellt. Und der Ehemann genauso. Er hat ja am Anfang das Spiel von ihr mitgespielt, seine Frau geschützt und gestützt, ihre Erkrankung ein Stück weit auch verleugnet und verdrängt gegenüber anderen. Doch im Verlauf wurde dann deutlich, dass auch er immer wieder auch überfordert ist und mit verschiedenen Tricks auch versucht hat, sie in Behandlung zu kriegen. Auch das ist ganz, ganz realistisch.
Die Frau gehört erst einmal in stationäre Behandlung und vernünftig gut medikamentös eingestellt. Und im nächsten Schritt ist es sicherlich gut und sinnvoll, wenn sich so eine Familie beispielsweise an ein Beratungsprojekt für Familien oder für Angehörige oder für Kinder psychisch Erkrankter wenden würde, dass eben auch die Familie Unterstützung bekommt.
Bei uns am Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf sieht es so aus, dass wir die ganze Familie kennenlernen, dass wir die Eltern sehen, entweder das Elternpaar oder - wenn sie beispielsweise gerade in Behandlung ist - auch nur den angehörigen Ehemann erstmal, um seine Belastung und seine Situation zu verstehen. Ihm wird zugehört und er wird ernst genommen wird und wir gucken, an welchen Stellen man ihn unterstützen kann. Wir sehen erst die Eltern, dann die Kinder, dann die ganze Familie. Auch den Jungen, den würden wir hier bei uns in Einzelgesprächen sehen, wir würden schauen, wo und an welchen Stellen kann man ihm nun konkrete Unterstützungsmaßnahmen anbieten, sei es durch eine eigene Psychotherapie, wo er die Dinge verarbeiten kann, sei durch eine Angehörigen- oder Betroffenengruppe, wo er im Austausch mit anderen Jugendlichen über seine Situation sprechen kann oder durch eine sozialpädagogische Familienhilfe für die ganze Familie, wo jemand in die Familie kommt. Da gibt es verschiedene Unterstützungsmaßnahmen und wir gucken da immer individuell, was für die Familien passend wäre.
Ein Prozent der Bevölkerung ist schizophren. Wir als Experten können sagen, dass das Risiko eines Erwachsenen oder auch eines Kindes schizophren zu werden, bei einem Prozent liegt. Bei Kindern, bei denen ein Elternteil schizophren ist, liegt das Risiko, ebenfalls an einer Schizophrenie zu erkranken, bei 13 Prozent. Wenn beide Elternteile schizophren erkrankt sind, dann liegt das Risiko für das Kind bei etwa 30 bis 40 Prozent, also extrem hoch.
Frau Wiegand-Grefe, vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Anna Tollkötter.
Die Psychologin und Psychoanalytikerin Dr. Silke Wiegand-Grefe, geboren 1964 in Leipzig, ist seit 2004 am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf in der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychotherapie und –psychosomatik wissenschaftlich tätig. Darüber hinaus arbeitet sie als Dozentin, Supervisorin und Lehrtherapeutin. Seit dem Wintersemester 2011/2012 hat sie die Professur für Klinische Psychologie-Psychodynamische Therapie an der MSH Medical School Hamburg inne. Eines ihrer Forschungsschwerpunkte ist das Thema "Kinder psychisch kranker Eltern".
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