Just music
Just Music: Aserbaidschan
Das große Spektakel, das gerade in der "Baku Crystal Hall" begonnen hat, nennt sich zwar "Eurovision Song Contest", aber "Europa" ist das nun ganz bestimmt nicht, wo in diesem Jahr der große Song-Wettbewerb gefeiert wird. Aserbaidschan - das liegt irgendwo hinter den sieben Bergen. Und mal abgesehen davon, dass man es dort mit den Menschenrechten nicht allzu genau nimmt, wissen wir doch eigentlich herzlich wenig von diesem Neun-Millionen-Staat. Selbst die Musik da unten, am Kaspischen Meer ist ein Rätsel: Sind Elli & Nikki, die letztes Jahr den Preis gewonnen haben typisch für die Szene ihres Landes - oder gibt's da noch mehr? Joachim Deicke hat sich diese Woche mal mit der Musik der Aseris beschäftigt:
Aserbaidschan – Land des Feuers. Der Untertitel kommt nicht von ungefähr: Schon die alten Griechen und Römer haben sich zwischen Kaukasus, Schwarzem und Kaspischen Meer mit Petroleum und Teer versorgt. Heutzutage ist es die Nabucco-Pipeline, die Erdgas von Baku ans Mittelmeer bringen soll. Die Zeiten ändern sich ...
Im orientalischen Feuerland ist längst der Rap die beliebteste Musik, aber für die Jungs mit den grimmigen Mienen und rollenden Texten ist das keine Anbiederung an den Westen, sondern eine Weiterdrehe ihrer eigenen Tradition. "Mugham" heißt die alte Musik Aserbaidschans: Eine Mischung aus Musik, Dichtkunst und Rhythmus.
"Mugham" ist alles: Kunstmusik und Folklore: Ein strenges Regelwerk, das aber auch viel Raum für Improvisation lässt. Der Aseri-Rap, der Meykhana, hat sich daraus entwickelt,ebenso wie die aserbaidschanische Pop-Musik und sogar eine eigenwillige Form des Jazz.
Kulturell ist Aserbaidschan aufgeschlossener und moderner, als die meisten seiner Nachbarstaaten. 95 Prozent der Aseri sind Muslime, aber nur ganz wenige wollen einen Gottesstaat. Engstirnig ist allein die Regierung, die jeden Widerspruch wegbeissen will und dennoch näher an Europa rücken würde – oder wenigstens so urban sein möchte, wie die Türkei. Musikalisch ist man schon ziemlich nah bei einander.
Musik, Sprache, Kultur und sogar die lateinische Schrift: Aserbaidschan ist eng mit der Türkei verwandt. Aber fast genauso tief sind die Verbindungen zum Iran, wo früher das aserbaidschanische Kernland lag. Russland – der andere mächtige Nachbar – hat das heutige Aserbeidschan zwar 250 Jahre lang beherrscht. Musikalisch allerdings hat diese Zeit kaum Spuren hinterlassen. Ob Folklore oder Pop: es klingt immer nach Zentralasien mit gelegentlichen Brückenschlägen zum Mittelmeer – manchmal sogar bis nach Spanien.
Alles ist widersprüchlich in diesem Land – von der Industriestadt Sumquayit, die zu den zehn dreckigsten Metropolen der Welt zählt, zum menschenleeren Bergland, wo sich Bären, Leoparden und Hyänen gute Nacht sagen; von archaischen Sufi-Tänzen zu "Yeni Ulduz", der glitzernden Casting-Show, mit der Aserbaidschan seine Superstars sucht und auch findet – so wie Konul Kerimova.
Man ist stolz auf 3000 Jahre Kultur, in diesem Land, in dem sich die Handelsrouten vom Mittelmeer nach Indien, von Osteuropa in die arabische Welt kreuzten. Stolz auf 20 Jahre Unabhängigkeit; stolz auf das Erdöl und das Feuer, das Aserbaidschan seinen Namen gab. Sogar der Eurovision Song Contest hat dieses Motto übernommen: "Light My Fire".
Info: Just Music!
![Joachim Deicke [Quelle: Joachim Deicke] Joachim Deicke [Quelle: Joachim Deicke]](/funkhauseuropa/aktuell/joachim102_v-mediateaser.jpg)
Don't Panic - it's just music! Und die Musik - die beißt nicht, die will doch nur spielen! Die schlechtesten Aufnahmen aller Zeiten, die schönsten Liebeserklärungen ans Fahrrad; die Songs des arabischen Frühlings; die wildesten Trends, die schrägsten Vögel: Joachim Deicke nimmt sie sich in seiner wöchentlichen Musikkolumne vor. Globale Stile, gerissenes Marketing, spektakuläre Events, skurrile Instrumente: Alles ist Thema. Alles ist ... just Music!
... jeden Freitag in Funkhaus Europa.
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