Just Music
Griechenland hat eine harte Zeit vor sich. Die Arbeitslosigkeit wächst, die Wirtschaft schrumpft. Und wieder einmal macht sich Armut breit – besonders in den Großstädten. Fast wie vor neunzig Jahren, als Griechenland vor einer ähnlich großen Herausforderung stand.
Rembetes in Karaiskaki, Piräus (1933)
Damals entstand in der größten Not die typisch griechische Musik: Die melancholischen, oft verzweifelten Lieder zu Bouzouki, Geige und Akkordeon. Und dieser griechische Blues erlebt gerade wieder sein Comeback. Joachim Deicke hat die Geschichte des "Rembetiko" unter die Lupe genommen:
Kristi Stassinopoulou: Pes Mou Poia Mana
Bislang waren Kristi Stassinopoulou und ihr Partner Stathis Kalyviotis für eine eher nach vorne gewandte griechische Rockmusik zuständig. Nun haben sie tief in die Vergangenheit gegriffen und alte Volkslieder aufgenommen. Dunkel, beunruhigend und tieftraurig – Lieder, gegen die der Blues Nordamerikas eine fröhliche Strandparty ist.
Kristi Stassinopoulou: Kato Sta Dasia Platania
Vor 90 Jahren entstand das, was heute die griechische Musik ausmacht: Griechenland hatte einen kurzen, aber unglaublich grausamen Krieg gegen die Türkei verloren. Und all die Griechen, die schon seit Jahrtausenden von Trabzon bis Antalya gelebt hatten, flüchteten oder wurden vertrieben. "Mikroasiatiki katastrophi" – kleinasiatische Katastrophe – nennen die Griechen diesen Exodus.
Kostas Nouros: Smirneiko Minore – Pnoi pleon dhe
Aus dem griechischen Smyrna wurde das heutige Izmir. "Konstantinopolis" wurde zu Istanbul. Fast anderthalb Millionen Griechen mussten die Türkei verlassen – und landeten meist nur mit dem, was sie am Leibe trugen, in einem Land, das ihnen weitgehend fremd war: Im Hafenviertel von Piräus, in Athen und Thessaloniki.
Antonis 'Dalgas' Diamantides: Manes Tsergiach
Ende der Zwanziger Jahre war jeder fünfte Grieche ein Vertriebener. Und es gab nicht ansatzweise genug Arbeit und Wohnraum für die Flüchtlinge. Sie schlugen sich durch – als Gelegenheitsarbeiter, als Taschendiebe; mit Drogenhandel, Prostitution – und mit Musik.
Roza Eskenazi: Enas Mangas Sto Teke Mou
Die Neuankömmlinge aus der Türkei brachten andere Melodien, Rhythmen und Instrumente nach Griechenland: Langhalsige Lauten, die in Griechenland zur Bouzouki oder zur kleinen Baglamás wurden – letztere konnte man schneller vor der Polizei verstecken. Die Musikerzunft der Rembetes war ebenso suspekt wie alles, was aus dem Osten ins europäische Griechenland gekommen war.
Antonis Diamantides Dalgas: I Manges
Der Rembetiko, der griechische Blues, war die Musik einer Subkultur. Sie wurde in Bordellen und Gefängnissen gespielt, in planlos errichteten Vorstädten. In den Texten ging es um Haschisch und Liebe, um Schmuggel und um den schmerzhaften Verlust der alten Heimat.
Stavros Xarchakos with Sotiria Leonardou: Kegome Kegome
Obwohl die Vertriebenen in ihrer neuen Heimat nicht gerade beliebt waren, wurde ihre Musik zu einem Symbol einer neuen, griechischen Identität – besonders in der Zeit der deutschen Besatzung während des Zweiten Weltkriegs. Kommunisten und Königstreue, Partisanen und Saboteure sangen die melancholischen, trotzigen Lieder der Rembetes.
Stavros Xarchakos: Stou Thoma
Aus der orientalisch-angehauchten Musik der Vertriebenen wurde der Sound Griechenlands. Der Schmerz, die Sehnsucht, die Enttäuschung steckt noch immer in diesen Liedern. Auch – oder gerade wieder – bei den aktuellen Aufnahmen von Kristi Stassinopoulou.
Kristi Stassinopoulou & Stathis Kalyviotis: Marenomai
Info: Just Music!
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Don't Panic - it's just music! Und die Musik - die beißt nicht, die will doch nur spielen! Die schlechtesten Aufnahmen aller Zeiten, die schönsten Liebeserklärungen ans Fahrrad; die Songs des arabischen Frühlings; die wildesten Trends, die schrägsten Vögel: Joachim Deicke nimmt sie sich in seiner wöchentlichen Musikkolumne vor. Globale Stile, gerissenes Marketing, spektakuläre Events, skurrile Instrumente: Alles ist Thema. Alles ist ... just Music!
... jeden Freitag in Funkhaus Europa.
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