Just Music
Es dauerte nur ein paar Tage, dann hatten die Kämpfer der islamistischen Ansar al-Din-Miliz einige der berühmtesten Denkmäler und Pilgerstätten von Timbuktu zerstört – darunter auch Teile von Moscheen: Der dort praktizierte Islam passt ihnen nicht, und dass die UNESCO die Gebäude unter Schutz gestellt hat, interessiert sie ebenso wenig, wie die Ernennung Timbuktus zur "Islamischen Hauptstadt der Weltkultur" durch die muslimische Weltliga. Seit April 2012 herrschen die Fanatiker in der Stadt im Norden Malis. Banken wurden zerstört. Sünder wurden öffentlich ausgepeitscht. Alkohol und Zigaretten sind verboten. Und auch Musik.
Joachim Deicke beschäftigt sich in seiner Musikkolumne mit der Geschichte und den Songs um Timbuktu. Beides droht unter die Räder zu geraten:
Issabagayogo: Timbuktu
Wo der Niger einen großen Bogen macht, liegt Timbuktu: Die Stadt am Rand der Wüste. Die erste und letzte große Station für alle Karawanen, die die Sahara durchqueren mussten. Seit der Antike kreuzen sich dort die Handelswege vom Mittelmeer bis zur Elfenbeinküste, von der Arabischen Halbinsel bis an den Atlantik.
Ki Yi M'Bock: Tombouctou
Menschen aus den verschiedensten Kulturkreisen trafen in Timbuktu, der "Perle der Wüste" aufeinander. Schon vor über 500 Jahren gab es eine Universität in der Stadt. Bücher wurden gehortet, Musik wurde ausgetauscht. Schwarzafrikanische Rhythmen trafen auf die filigranen Stile des Maghreb und der arabischen Welt.
Iba Diabaté: Tombouctou
Man errichtete fremdartige Moscheen, Grabmäler und Mausoleen – aus dem gelben Lehm der Sahara. Die Stadt wirkte, als sei sie aus der Erde gewachsen. Timbuktu war bald mehr als ein Handelsposten zwischen Sahara und den Savannen Schwarzafrikas. Die "Stadt der 333 Heiligen" entwickelte eine fast magische Anziehungskraft – auch für Künstler:
Khaira Arby: Tombouctou
Ali Farka Touré with Ry Cooder
"Für viele Menschen klingt der Name 'Timbuktu' wie das Ende der Welt", sagte der berühmte Musiker Ali Farka Touré. "Aber das ist nicht wahr. Ich selbst bin aus Timbuktu und kann Euch sagen, dass wir genau im Herzen der Welt leben." Ry Cooder suchte dieses Herz und nahm 1994 mit Ali Farka Touré dort das Album "Talking Timbuktu" auf – mehrfach mit Preisen ausgezeichnet, darunter ein Grammy.
Ali Farka Touré with Ry Cooder: Ai Du (aus 'Talking Timbuktu')
Jasper Van't Hof, der Niederländische Worldmusic-Pionier widmete der Wüstenstadt ein ganzes Album mit "Ballads of Timbuktu".
Pili Pili: M'Bali Jo (aus 'Ballads of Timbuktu')
Vom alten Glanz Timbuktus ist heute nicht viel geblieben. Die Zeit der Karawanen ist vorbei. Die Wüste rückt immer weiter vor und weht ihren Sand in die Straßen. Die Einwohnerzahl ist rückläufig. Dennoch blieb Timbuktu bis in jüngste Zeit ein kulturelles Zentrum. Aus einem Volksfest der Tuareg entwickelte sich das "Festival au désert", bei dem – seit 2001 – die berühmtesten Musiker von Senegal bis Marokko zusammen kamen.
Tartit: Houmeissa
Sixty Six to Timbuktu
Selbst internationale Größen wie Blur, Hubert Von Goisern, Manu Chao und Bono haben schon in Timbuktu gespielt – oder auch Superstar Robert Plant:
Robert Plant: Win My Train Fare Home (aus 'Sixty Six to Timbuktu')
Das nächste Wüsten-Festival bei Timbuktu ist für den Januar 2013 geplant. Es wird wohl nicht stattfinden, nachdem die Salafisten die Kontrolle im Norden Malis übernommen haben. Unter dem Motto "Alles ist Sünde" haben sie innerhalb weniger Tage die größten Kulturdenkmäler der "Perle der Wüste" zerstört. Musik ist ihnen auch ein Dorn im Auge. Selbst Tuareg-Bands wie Tinariwen, die mit ihnen für Freiheit und Selbstbestimmung gekämpft haben, dürfen dort nicht mehr auftreten.
Tinariwen: Assoul
Info: Just Music!
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Don't Panic - it's just music! Und die Musik - die beißt nicht, die will doch nur spielen! Die schlechtesten Aufnahmen aller Zeiten, die schönsten Liebeserklärungen ans Fahrrad; die Songs des arabischen Frühlings; die wildesten Trends, die schrägsten Vögel: Joachim Deicke nimmt sie sich in seiner wöchentlichen Musikkolumne vor. Globale Stile, gerissenes Marketing, spektakuläre Events, skurrile Instrumente: Alles ist Thema. Alles ist ... just Music!
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