Just Music
Trinidad war die einzigen Karibikinsel, auf der das Geld nicht mit Zuckerrohr und Muskatnüssen gemacht wurde, sondern mit Erdöl. Großbritannien hatte sich lange gesträubt, ausgerechnet diese Kolonie in die Unabhängigkeit zu entlassen. Aber der Widerstand der Bevölkerung war einfach zu groß geworden – nicht zuletzt wegen der ewig bissigen, spöttischen Songs der Calypso-Sänger. Auf Trinidad war eine Musik entstanden, die politischer, ätzender und durchschlagender war, als irgendein anderer Musikstil auf der Welt. Funkhaus-Europa-Musikredakteur Joachim Deicke hat sich in seiner aktuellem Musikkolumne mit Trinidad und dem Calypso beschäftigt.
Trinidad – die Heimat des Calypso. Und das war der erste karibische Musikstil, der um die ganze Welt ging. Als die Andrews Sisters den Calypso "Rum and Coco-Cola" 1945 zu einem globalen Hit machten, gaben sie sich ahnungslos: Nie und nimmer wären sie darauf gekommen, dass es da um Prostitution ging. Dabei lag's auf der Hand: Die USA hatten Trinidad im 2. Weltkrieg zu einem Marine-Stützpunkt ausgebaut – und da haben eben auch "Mother and Daughter" für den "Yankee Dollar" gearbeitet. Ein paar Jahre später, als die Basis geschlossen wurde, gab es für die Trinis auch die Liebe wieder umsonst.
Sie nannten sich Atila und Lord Invader und Duke of Iron – und diese Calypsonians nahmen nie ein Blatt vor den Mund. Seit den 20er Jahren kommentierten sie alles, was auf ihrer Insel und im Rest der Welt passierte. Von einer Kneipen-Schlägerei bis zu den ersten Erfolgen von Bing Crosby. Nirgendwo sonst auf der Welt gab es, schon in den 30er Jahren, eine Musik, die wie eine Zeitung funktionierte. Jedes Thema mit spitzer Zunge gereimt und unters Volk gebracht. Und natürlich ging es da auch um die ersten Unruhen und Aufstände gegen die britischen Kolonialherren.
Die Briten reagierten: Trinidad und ihre grüne Schwesterninsel Tobago gehörten, dank des Erdöls und der Raffinerien, zu den wenigen Kolonien, die Geld in die Kassen des Königsreichs brachten. Mal gab es Zugeständnisse an die Bevölkerung; mal sollten sich die Calypso-Sänger einer strengen Zensur unterwerfen. Und auf dem Höhepunkt der Spannungen wollten die Briten sogar den Carnival verbieten, weil sie dort das Zentrum des Widerstands vermuteten.
Egal was die Engländer unternahmen: Sie machten sich unbeliebt auf der Calypso-Insel. Obendrein orientierte man sich dort immer mehr in Richtung USA: Dorthin gingen die meisten Exporte; dort versuchten Trinis einen Job zu bekommen und sogar die Calypsonians zogen nach New York, um dort ihre Songs einzuspielen. Ihre Musik begeisterte auch schnell die nordamerikanische Musikszene.
In den 50er versuchten Großbritannien einiges, um die Trinis den Einwohnern des Europäischen Mutterlandes gleichzustellen. Aber da war es schon zu spät: Die Kolonie stürmte selbstbewusst einer vollständigen Unabhängigkeit entgegen. Und im Spätsommer 1962 war es so weit. Die britische Flagge wurde eingeholt. Der alte, klassische Calypso verlor danach seine Bedeutung, wurde abgelöst von neuen Musikstilen: Parang, Soca, Extempo, Rapso, Chutney. Aber damit gehören Trinidad und Tobago auch heute noch zu den Zentren karibischer Musik.
Info: Just Music!
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Don't Panic - it's just music! Und die Musik - die beißt nicht, die will doch nur spielen! Die schlechtesten Aufnahmen aller Zeiten, die schönsten Liebeserklärungen ans Fahrrad; die Songs des arabischen Frühlings; die wildesten Trends, die schrägsten Vögel: Joachim Deicke nimmt sie sich in seiner wöchentlichen Musikkolumne vor. Globale Stile, gerissenes Marketing, spektakuläre Events, skurrile Instrumente: Alles ist Thema. Alles ist ... just Music!
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