Just Music
Als die islamistischen Rebellen im Norden Malis begannen, jahrhunderte alte Kulturdenkmäler zu zerstöen, ging ein gewaltiger Aufschrei um die Welt. Als sie Hochzeitsgäste verprügelten, weil die getanzt und gesungen hatten, nahmen nur wenige davon Notiz. Nun ist in der Region, die sie kontrollieren, auch Musik aus dem Radio verboten. Mit den "satanischen Klängen" müsse Schluss sein, erklärte ein Sprecher. Stattdessen sollen Koranverse gelesen werden.
Für viele von uns sieht es aus, als hätte der Islam ein Problem mit der Musik. Was aber bringt dann so erstaunlich viele Musiker dazu, aus freien Stücken zum Islam zu konvertieren? Joachim Deicke hat sich in seiner heutigen Musikkolumne mit den Künstlern beschäftigt, die zum Islam übergetreten sind - meist ohne sich äußerlich oder musikalisch all zu sehr zu verändern.
Just Music, [3:50]
Konvertiten
Joe Tex, der wohl größte Rivale von Funkmaster James Brown, hatte in den frühen Siebzigern beschlossen, sich der amerikanischen "Nation of Islam" anzuschließen. So wie viele, denen es nicht schnell genug ging – mit den Veränderungen, so wie Bürgerrechtler Malcolm X. Die wütend waren, wie Boxlegende Cassius Clay, der sich als Muhammed Ali taufen ließ und erklärte: "Wir wollen nicht wie die Weißen leben!"
Schon Ende der 40er war Jazz-Pionier Art Blakey zum Islam konvertiert. Nach seinem ersten Besuch in Afrika, hatte er den Namen Abdullah Ibn Buhaina angenommen: Für ihn ein Zeichen seiner Herkunft, seiner Wurzeln: Das Christentum war für ihn die Religion derjenigen, die sein Volk versklavt hatten. An seiner Musik hat sein Bekenntnis allerdings herzlich wenig geändert.
Der Südafrikaner Dollar Brand wurde zu Abdullah Ibrahim, und wäre nicht im Traum auf die Idee gekommen, seine Karriere an den Nagel zu hängen, nur weil er zu Allah und nicht mehr zu Gott betete. Und Englands bärtiger Ausnahmegitarrist Richard Thomson blühte regelrecht auf, nachdem er zum Islam konvertiert war.
Auch Jermaine Jackson sah keinen Konlikt zwischen seinem Glauben und seinen musikalischen Ambitionen.
Es waren verblüffend viele Musiker, die zum Islam konvertierten. Aber erst nachdem Cat Stevens zu Yusuf Islam geworden war, tauchte die Frage auf, ob man ein gläubiger Muslim und gleichzeitig Popstar sein kann.
Cat Stevens jedenfalls hängte seine Gitarre 1979 an den Nagel. Ein Imam hatte ihm zwar gesagt, dass nichts gegen Musik sprechen würde, solange die Texte moralisch akzeptabel wären. Aber der neu geborene Muslim hielt das gesamte Showgeschäft für unvereinbar mit den Lehren des Koran. Es dauerte 27 Jahre bis er wieder neue Songs aufnahm.
Ob Musik im Islam "halal" oder "haram" – also tabu ist – ist eine ganz knifflige Frage, die von den Gelehrten schon seit Jahrhunderten diskutiert wird. Eine radikale Minderheit hält sie für Teufelswerk. Die afghanischen Taliban haben unter ihrer Herrschaft jegliche Musik verboten; auch die Ansar-Dine-Rebellen, die Nord-Mali und die alte Stadt Timbuktu erobert haben, folgen der engsten aller Auslegungen. Auf der anderen Seite stehen Rapper wie Snoop Dog, die auch als Muslim kein Blatt vor den Mund nehmen.
Inzwischen hat sich Snoop Dog vom Islam abgewandt und sieht sich als Wiedergänger von Bob Marley. Auf ihn wird die muslimische Gemeinschaft sicherlich verzichten können. Auf Everlast dagegen könnte sie stolz sein. Er ist Musiker – so sagte er in einem Interview. Und er glaubt an einen Gott. Die normalste Sache der Welt. Mehr sollte man daraus bitte nicht machen.
Musik: Everlast: What It's Like (To Sing The Blues)
Info: Just Music!
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Don't Panic - it's just music! Und die Musik - die beißt nicht, die will doch nur spielen! Die schlechtesten Aufnahmen aller Zeiten, die schönsten Liebeserklärungen ans Fahrrad; die Songs des arabischen Frühlings; die wildesten Trends, die schrägsten Vögel: Joachim Deicke nimmt sie sich in seiner wöchentlichen Musikkolumne vor. Globale Stile, gerissenes Marketing, spektakuläre Events, skurrile Instrumente: Alles ist Thema. Alles ist ... just Music!
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