Just Music
Früher gab's die besten Platten aus Afrika, Lateinamerika oder Asien nur in ein paar wenigen Läden. Heute gibt es unendlich viel Musik – überall, jeden Tag. Wie viele neue Musikstücke sind das täglich weltweit? Joachim Deicke hat's mal überschlagen, weigert sich jedoch eine Bilanz zu ziehen.
Ich geb's zu: Ich habe mich geduckt, als es darum ging, die Songs, die Trends, die Tops und die Flops des fast abgelaufenen Jahres auszuwählen. Wie – bitte sehr – soll das gehen, bei mittlerweile rund zehntausend Songs, die jeden Tag auf diesem Globus erscheinen?
Zehntausend pro Tag, 300.000 im Monat. Mehr als drei-einhalb Millionen neue Titel aufs Jahr gerechnet. Cassetten aus Tegucigalpa, CDs neuseeländischer Indiebands, Download-Angebote tausender DJs und Terabytes und Exabytes flimmernder Youtube-Produktionen.
Rambo Amadeus - Don't Worry Be Happy
Ich habe mir Mühe gegeben, aber ich kenne nicht alles. Um ehrlich zu sein: Von den zehntausend Songs, die täglich erscheinen, habe ich im Schnitt vielleicht zwanzig gehört. Das sind zwei Promille. Und die meisten davon hab' ich schon wieder vergessen.
Mein Chef hat mich irgendwann gefragt, wie gut ich mich in der israelischen Hardrockszene auskenne. Ich musste passen. Ich weiß auch nicht viel über den Hawaiianischen Hiphop oder rumänischen Reggae. Ich bin sogar bei einem Blick in die Top Twenty unserer niederländischen Nachbarn etwas verstört. Wer sind Floortje Smit oder Sandra Van Nieuwland, die gerade mit vier Songs in den Top Ten ist?
Bevor Psy über die Hügel ritt, hab ich mich auch nicht mit Koreas boomender Pop-Szene beschäftigt.
Psy - Gangnam Style
Aber der Mega-Erfolg von "Gangnam Style" zeigt, dass inzwischen alles möglich ist. Der nächste große Abräumer kann aus Kathmandu, Kinshasa oder Kleinmackenstedt kommen. Alles geht. Und niemand kann vorhersehen, was das "nächste große Ding" sein könnte.
So leicht es inzwischen geworden ist, den neusten Hit aus jedem Winkel der Welt zu hören, so unmöglich ist es inzwischen, Trends zu orten. Mexiko mag gerade den Reggaeton für sich entdeckt haben, während der Swah Hop Ostafrika erobert und Indonesien von einer Rap-Welle überrollt wird.
Was wir blassen Mitteleuropäer zum "Trend" erklären, interessiert in Südamerika keinen Menschen, ist dort vielleicht sogar der Schnee von gestern. Lange Rede - kurzer Sinn: Was nehm' ich denn nun mit von diesem Musikjahr 2012?
Lianne Le Havas
... dass alles ein wenig in die Vergangenheit orientiert ist; dass die Solisten den Ton angeben. Die klassische kleine Band ist momentan nicht gefragt. Aber das kann sich auch im Januar schon wieder ändern.
Und während ich das alles erzähle, sind schon wieder zwanzig neue Songs erschienen. Sorry, ich hab' sie noch nicht gehört!
Joachim Deicke: Jahresabrechnung, [3:48]
Info: Just Music!
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Don't Panic - it's just music! Und die Musik - die beißt nicht, die will doch nur spielen! Die schlechtesten Aufnahmen aller Zeiten, die schönsten Liebeserklärungen ans Fahrrad; die Songs des arabischen Frühlings; die wildesten Trends, die schrägsten Vögel: Joachim Deicke nimmt sie sich in seiner wöchentlichen Musikkolumne vor. Globale Stile, gerissenes Marketing, spektakuläre Events, skurrile Instrumente: Alles ist Thema. Alles ist ... just Music!
... jeden Freitag in Funkhaus Europa.
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