Osmans Alltag
Als vollwertige Mitglieder der deutschen Gesellschaft wollen meine Frau und ich in diesem Jahr unseren bürgerlichen Pflichten nachkommen und Urlaub auf Gran Canaria verbringen. Wir stehen mitten in unserem Bremer Flughafengebäude und schauen, zu welchem Schalter wir müssen.
Endlich haben wir unseren Schalter für Gran Canaria entdeckt. Aber davor bildete sich leider eine riesige Schlange.
Ich hasse Schlangen. Ich hasse Flugzeuge. Ich habe fürchterliche Angst, dass wir abstürzen.
Ich hasse übrigens Abstürze jeder Art. Egal ob durch Maschinenschaden, Computerfehler, Bombenexplosion, Vogelschlag, Pilotenfehler oder ganz normales Abstürzen.
In jedem, der hier am Flughafen rum läuft, sehe ich einen potentiellen Terroristen. Alle möglichen können sich hier tummeln: RAF, CIA, El Kaida und Fußball-Hooligans aus England.
In diesem Moment spricht mich jemand von hinten an:
"Entschuldigen Sie, können Sie mir bitte sagen, wo die Toiletten sind?"
Ich zeige dem Terroristen irgendeine Richtung, damit er mich nicht als Geisel nimmt. Er stellt einen kleinen Handkoffer neben mich ab und sagt:
"Können Sie bitte solange auf meinen Koffer aufpassen?", und schon rennt er los.
Ich packe meine Frau am Arm und laufe in die entgegengesetzte Richtung. Dieser 50-Meter-Lauf war die größte sportliche Leistung, die Eminanim und ich in den letzten 25 Jahren erbracht haben.
"Bei Allah, Osman, warum rennst du wie ein Wahnsinniger? Warum hast du mich hierher gezerrt?"
"Frau, geh in Deckung! Das Ding geht gleich hoch"“
Ich kneife die Augen zusammen und schmeiße mich auf den Boden. Ich drehe mich ein paar Mal und knalle voll mit dem Kopf gegen den Mülleimer.
"Warum ist der Koffer denn immer noch nicht explodiert?"
"Osman, warum soll ein Koffer denn explodieren?"
"Eminanim, hast du nicht gemerkt, wie der Terrorist die Bombe neben uns abgestellt hat?"
"Wieso Terrorist? Das war doch ein ganz normaler Deutscher. Mit fettigen blonden Haaren, Bierbauch und weißen Socken."
Ich traue mich keinen Zentimeter hinter meinem Mülleimer-Versteck hervor.
"Eminanim, geh doch mal rüber, schau, was mit der Bombe los ist. Tu was für dein zweites Vaterland. Die Kinder und ich werden dich nie vergessen."
"Osman, ich habe den Verdacht, du liebst mich nicht mehr."
"Stell dich doch nicht so an, du Feigling. Türkische Frauen kennen keine Angst!"
"Osman, ich bin die Mutter deiner Kinder!"
"Frau, denk nicht immer nur an dich. Die Situation ist von nationaler Bedeutung."
"Die Passagiere des Fluges nach Gran Canaria, Osman und Eminanim Engin, werden zum letzten Mal dringend gebeten..."
"Eminanim, du hörst doch! Wir haben keine Zeit mehr, beeil dich!"
"Osman, ich lass mich scheiden. Ich gehe zu meiner Mutter zurück."
In dem Moment sehe ich, wie der Terrorist seinen Koffer schnappt und davon eilt.
Mit angeborener Gelassenheit sage ich zu meiner Frau:
"Na gut, wenn du solche Angst hast, dann gehe ich eben als erster. Mut ist nun mal keine Frauensache."
Die Kofferbombe, [3:24]
Die Geschichte zum Hören
18. März 2010
Info: Alltag im Osmanischen Reich
![Osman Engin, Funkhaus-Europa-Moderator, Satiriker und Buchautor [Quelle: Radio Bremen, Fotograf: Sabine Wienbeck] Osman Engin, Funkhaus-Europa-Moderator, Satiriker und Buchautor [Quelle: Radio Bremen, Fotograf: Sabine Wienbeck]](/funkhauseuropa/serien/mein_lieblingsplatz/osmanengin102_v-mediateaser.jpg)
Osman Engin ist ein wahrhaft geplagter Kanake, oder politisch korrekt Deutschtürke....
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Sendezeit:
Do., ca. 16:40 Uhr
Die letzte Folge zum Nachhören und zum Podcast:
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