Osmans Alltag
Der Polizist mit weißen Haaren, krummer Nase und offensichtlichen Beziehungsproblemen aus Onkel Ömers Dorf schickte mich in das Militärbüro in der Kreisstadt, weil ich angeblich türkischer Fahnenflüchtiger sei.
Mit schlotternden Knien gehe ich also zu der Kaserne, wo sich dieses Militärbüro befindet.
Als ich das letzte Mal im vorigen Jahrtausend hier war, rasierte man mir auf der Stelle meine Haare ab und schickte mich in die Osttürkei. Dort durfte ich in einer armseligen Militärkaserne ganz oben in den gottverlassenen Bergen, die zwei schönsten Jahre meines Lebens völlig sinnlos vergeuden.
Bei Allah, das kann doch nicht wahr sein, der Scheintote in Militäruniform hat ja nicht mal einen Computer! Was sich aber zum Glück sehr schnell als vorteilhaft entpuppt.
Weil der alte Mann hinter dem Schreibtisch weder Computer noch Fotoschop kennt, überzeugen ihn meine Soldatenfotos auf der Stelle. Besonders dieses neue Reiter-Foto begeistert ihn restlos. Mein Onkel hat nämlich noch ein uraltes Foto heraus gekramt, auf dem ich in John Wayne-Manier breitbeinig auf einer komischen Kanone hocke. Im Nachhinein ist es mir schon ein bisschen peinlich, dass ich meinen Onkel Ömer und meine Tante Ülkü damals mit solch blöden Fotos genervt habe. Aber im Soldatenalltag fällt eine schwachsinnige Tat mehr oder weniger nicht sonderlich auf.
"Bruder, was für ein Zufall, genau solch ein tolles Foto habe ich auch. Das waren noch Zeiten, nicht wahr? Damals hatten wir noch richtig gute Kanonen, nicht wahr?", schwärmt er stolz mit glänzenden Augen.
Der Fachmann erkennt nicht nur mich als den Soldaten auf dem total verbleichten Foto, sondern sogar auch die Fehler des Polizeibeamten vor ihm.
"Die haben vor fünf Jahren alles auf Computer umgestellt und dabei wurde fast die Hälfte der Daten falsch übertragen. Seitdem ist das Chaos perfekt und ich muss hier ununterbrochen deren Mist ausbaden."
Wir gehen alle zusammen runter in den Keller, finden meinen Aktenordner und er gibt mir das schriftlich, dass ich vor fast 100 Jahren auf einem gottverlassenen Berg im Osten der Türkei die zwei besten Jahre meines Lebens in einer schäbigen Militärkaserne völlig sinnlos vergeudet habe.
Drei Tage später fahre ich mit diesem rettenden Schreiben in der Hand zum Flughafen Istanbul, um nach langen qualvollen Urlaubswochen endlich wieder nach Deutschland zu flüchten.
Der Polizist bei der Ausweiskontrolle schaut auf seinen PC vom Typ 'Arche Noah' und ruft dann sehr böse:
"Häh! Du bist hiermit festgenommen! Du darfst die Türkei nicht mehr verlassen! Du Fahnenflüchtling! Du Vaterlandsverräter! Du verdammter Terrorist!"
Meine Frau stottert sichtlich eingeschüchtert.
"Osman, deine Sünden werden ja irgendwie immer mehr. Mittlerweile bin ich wirklich froh, wenn sie dich nicht sofort am nächsten Fahnenmast aufhängen!"
Osman, der Fahnenflüchtige Teil 2 , [3:29]
Die Geschichte zum Hören
Info: Alltag im Osmanischen Reich
![Osman Engin, Funkhaus-Europa-Moderator, Satiriker und Buchautor [Quelle: Radio Bremen, Sabine Wienbeck] Osman Engin, Funkhaus-Europa-Moderator, Satiriker und Buchautor [Quelle: Radio Bremen, Sabine Wienbeck]](/funkhauseuropa/serien/mein_lieblingsplatz/osmanengin102_v-mediateaser.jpg)
Osman Engin ist ein wahrhaft geplagter Kanake, oder politisch korrekt Deutschtürke....
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Mittwoch, ca. 16:40 Uhr
Wiederholung:
Sonntag, ca. 17:40 Uhr
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