Buch-Tipp
Ko Un, Südkoreas beliebtester Dichter, gehört seit Jahren zu den Favoriten unter den Nobelpreisanwärtern. 1933 wurde er noch unter japanischer Besatzung geboren, den Koreakrieg erlebte er als sehr junger Mann. Als 1980 ein Militärputsch den Volksaufstand für Demokratie niederschlug, wurde er als Generalsekretär des neuen Schriftstellerverbandes inhaftiert. Inzwischen hat Ko Un mehr als hundertdreißig Bücher veröffentlicht, die in viele Sprachen übersetzt wurden. "Blüten des Augenblicks" heißt sein neuer, auf Deutsch erschienener Band.
Ko Un - Blüten des Augenblicks, [3:56]
Buchtipp von Lore Kleinert
Ko Uns erste Gedichtsammlung wurde 1960 veröffentlicht, als er noch Mönch war; zwei Jahre später wurde ihm bewusst, dass der Formalismus des buddhistischen Klosterlebens mit seinem Ziel, ein Dichter zu sein, nicht länger vereinbar war. Er habe begonnen, Gedichte zu schreiben, heißt es im Vorwort zu seinem neuen Band, als wären es Grasbüschel in den Ruinen, die der Koreakrieg mit seinen vier Millionen Toten zurückgelassen hatte. Meditationen über die Vergänglichkeit sind auch seine Zengedichte "Blüten des Augenblicks", 50 Jahre später.
Auf dem Festival "Poetry on the Road" stellte Koreas bedeutendster Dichter gemeinsam mit seinem Übersetzer Hans-Jürgen Zaborowski etliche seiner Zen-Miniaturen vor, ein zarter älterer Herr, der durch viele Reisen, oft mit der Verleihung von Literaturpreisen verbunden, zum Weltbürger wurde. In seiner Kindheit war es ihm verboten, seine Muttersprache zu erlernen – jetzt sind seine Lesungen in der Welt der Dichtung einzigartig und seine Werke fester Bestandteil der Weltliteratur. Allen Ginsberg beschrieb den Poeten Ko Un als buddhistischen Weisen, leidenschaftlichen politischen Autor und Naturhistoriker. Seine Poesie bietet eine große Vielfalt von Formen und Motiven, vom Schmetterling auf dem Schilfkolben zum kleinen Insekt in der Gefängniszelle, von der Nase eines jungen Hasen zur Vogelspur im Schnee.
Und immer wieder die Träume, vom südlichen Meer, von dem Ringen des Saturns, der Großmutter, die auf der Flucht vor dem Krieg einsam starb und die Ko Un schon einmal in seiner Gedichtsammlung Zehntausend Leben verewigte. In diesem Krieg trug er als junger Mann die Leichen seiner Lieben auf seinem Rücken zu den Grabplätzen; mehr Sehnsucht sei auf der Halbinsel Korea in der Erde begraben als Kohle, schreibt er in den "Blüten des Augenblicks". Dichtung ist für ihn zur Essenz eines unendlich langen Zeitraums geworden, und die geistigen Spuren, die Träume früherer Dichter, faszinieren ihn, verbinden ihn mit Vergangenheit und Zukunft. Seine Zengedichte wurzeln in diesen Träumen und sind der Versuch, die "Wahrheit, die von Worten abhängt" mit der Wahrheit zu verbinden, die jenseits der Worte liegt. Wenn er gelingt, und dafür legt sein neuer Band Zeugnis ab, erblühen bezaubernde und erschreckende Wortblüten, die durch die Kalligraphien des Dichters auf wunderbare Weise begleitet werden.
Buchinfos:
Ko Un: "Blüten des Augenblicks", Suhrkamp Verlag, 154 Seiten, 15,90 Euro
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