Buch-Tipp
Willy Brandt und Günter Grass - Der Briefwechsel, Steidl Verlag, 2013
Über fast drei Jahrzehnte, von Mitte der sechziger bis Anfang der neunziger Jahre, spiegelt dieser Briefwechsel die Geschichte der Bundesrepublik aus dem Blickwinkel zweier sehr verschiedener Menschen, die im Ringen um die Modernisierung der zweiten deutschen Demokratie zueinanderfinden, Freunde werden und dennoch die Kluft zwischen Geist und Macht nie ganz überwinden können.
Grass bleibt bei allem auch ganz praktischen Engagement für die SPD immer in erster Linie Schriftsteller, der Wahlkampfauftritte absolviert, Ideen beisteuert und Formulierungshilfe gibt, gelegentlich auch in quasi-diplomatischer Mission unterwegs ist, aber sich trotz allem nicht für politische Zwecke instrumentalisieren lassen mag und Partei und Regierung gelegentlich hart kritisiert. Brandt, selbst in beachtlichem Maße sprachmächtig, sucht den Rat des Schriftstellers, greift viele seiner Anregungen auf, zeigt hier und da Verständnis für dessen offene, manchmal schroffe Kritik, wehrt aber, wo es aus seiner Sicht die politischen Notwendigkeiten verlangen, alle Dreinreden ab und bleibt unbeirrt bei seinem Kurs.
Als sich im Herbst 1966 die Große Koalition zwischen den Unionsparteien und der SPD abzeichnet, erfährt Grass zum ersten Mal, dass seine kritischen Einwände, wenn es um Machtfragen geht, wenig bewirken. In einem Brief vom 26.11.1966 beschwört er Briefpartner und Freund: "Bevor es zur Großen Koalition kommt, bevor also Sie zwischen den Herren Kiesinger und Strauß den Kronzeugen einer falschen Harmonie werden abgeben müssen, bitte ich Sie, den Vorsitzenden der SPD, einer Partei also, in die ich meine Hoffnung setzte und setze, noch einmal die unabsehbaren Folgen einer solchen Entscheidung zu bedenken… Wie sollen wir weiterhin die SPD als Alternative verteidigen, wenn das Profil eines Willy Brandt im Proporz-Einerlei der Großen Koalition nicht mehr zu erkennen sein wird."
Es sind dies die Sorgen und Befürchtungen, die damals, wie Brandt in seiner Antwort bestätigt, "viele Menschen – und nicht die schlechtesten – in diesem Land mit Ihnen teilen." Aber er bleibt "nach sehr ernster Prüfung auf dem Hintergrund der dürren Ziffern im Bundestag und angesichts der Aufgaben im Inneren und nach außen" dabei, dass ein anderer Weg nicht gangbar wäre. Grass hakt postwendend nach: "Uns allen, die wir außerhalb stehen, fehlt es an Macht, die sich anbahnende, und wie ich meine, unglückliche Entwicklung zu verhindern… Wenn es aber wahr ist, dass die Große Koalition nicht zu verhindern ist, sollten Sie wenigstens eine Große Koalition fordern, die den Mehrheitsverhältnissen im Bundestag entspricht." Vor allem, meint Grass, dürfe Strauß, der als Verteidigungsminister das Parlament belogen habe, in Deutschland nie wieder politische Verantwortung tragen. Der nächste Brief von Brandt an Grass erfolgt erst einen Monat später, als die Große Koalition mit Strauß als Finanzminister schon unter Dach und Fach ist.
Die vier Briefe sind typisch für die Tonlage, die in diesem Briefwechsel vorherrscht: auf der einen Seite Grass, der Mahner, dem es vordringlich um die moralische Glaubwürdigkeit der SPD-Politik und ihres Exponenten Brandt geht, der – oft genug ungeduldig – auf Veränderung drängt, der verlangt, dass die Dinge mutig beim Namen genannt werden; und auf der anderen Seite Brandt, der sich nachdenklich zeigt, manchmal durchaus zu Korrekturen bereit ist, aber in vielen Fällen, obwohl er Verständnis für die von Grass geäußerte Kritik signalisiert, nicht umhin kommt, sie am Maßstab des politisch Machbaren zu messen und schließlich zu verwerfen. Politik und Moral, die Sichtweise des Politikers und die des engagierten Schriftstellers, das zeigt sich hier exemplarisch, sind letztlich nicht zur Deckung zu bringen.
Keineswegs allen in der Führung der SPD war das Engagement von Grass und seinen Schriftstellerkollegen willkommen. Von Anfang an wurde die im Lauf der sechziger Jahre immer enger werdende Kooperation zwischen der SPD und den von Grass gegründeten Wählerinitiativen von nicht wenigen in der Partei mit Misstrauen betrachtet. Dass Schriftsteller und Intellektuelle sich aktiv und durchaus eigenständig einmischten, dass Wählergruppen sich organisierten und auf Programm und Praxis der Partei, womöglich gar auf die Auswahl der Kandidaten, Einfluss nehmen wollten, war den SPD-Traditionalisten von vornherein nicht geheuer. Brandt hingegen erkannte früh die hierin liegende Chance, die SPD für neue Wählerschichten zu öffnen.
Buchinfos:
Willy Brandt und Günter Grass. Der Briefwechsel, herausgegeben von Martin Kölbel, Steidl Verlag, Göttingen 2013
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