Buch-Tipp
Im 18. Jahrhundert gab es eine grenzüberschreitende Republik der Gelehrten, die auf einem erstaunlich modern wirkenden Diskursgeflecht beruhte. Unabsehbar sind damals die Hin- und Herströme zwischen den europäischen Dichtern und Denkern. Die Philosophen und Staatstheoretiker, die Künstler und Wissenschaftler korrespondierten nicht nur miteinander, sie besuchten sich in ihren Werkstätten und Gesprächszirkeln, sie lasen, übersetzten, kommentierten und diskutierten ihre jüngsten Geisteserrungenschaften, sie wetzten ihre Gedankenschärfe an unterschiedlichsten Überzeugungen, Ideen und Theorien.
Manfred Geier "Aufklärung – Das europäische Projekt", Rowohlt Verlag, 416 Seiten, 24,95 Euro
Aufklärung – das ist seit dem 18. Jahrhundert, nach Renaissance und Humanismus, die große Erzählung, mit der der alte Kontinent sich aufmacht, die Frühe Neuzeit in die Moderne hinüber zu retten. Doch Manfred Geier traut solchen großen Erzählungen nicht. Er erzählt stattdessen sieben ausgewählte Lebens- und Werkgeschichten, unter dem Gesichtspunkt der Aktualität von Aufklärung. Weil für Geier die Aufklärung in England ihren Ausgang nimmt mit der Glorreichen Revolution 1689 und 1789 mit der Französischen Revolution endet, geraten zunächst die Moral- und Staatsphilosophen Locke und Shaftesbury in den Blick des Autors, danach die französischen Enzyklopädisten, denen Kant und Mendelssohn folgen. Sie wiederum werden abgelöst von der Revolutionärin Olympe de Gouges und dem deutschen Bildungsreformer Wilhelm von Humboldt. Karl Popper und Hannah Arendt bilden für Geier die beiden intellektuellen Bezugsgrößen, an denen die Frage der Aktualität des Aufklärerischen entfaltet werden soll.
John Locke, einer der maßgeblichen Begründer der modernen Naturrechtsidee, ist nicht nur als Staatsdenker, sondern zugleich als Erkenntnis- und Moralphilosoph von epochaler Bedeutung für die Geschichte der europäischen Aufklärung gewesen.
Ein Zitat:
"Die Leuchte, die in uns entzündet ist, strahlt für alle unsere Zwecke hell genug. Die Entdeckungen, die wir mit ihrer Hilfe machen können, müssen uns genügen. Und wir gebrauchen unseren Verstand dann richtig, wenn wir alle Objekte in der Weise und in dem Maße betrachten, wie es unseren Fähigkeiten entspricht, und wenn wir sie auf solche Gründe hin untersuchen, die uns zugänglich sind, nicht aber unbedingt in maßloser Weise einen Beweis verlangen und Gewissheit fordern, wo nur Wahrscheinlichkeit zu erlangen ist."
Der Bürger als Gentleman, als tugendhafte, lebenskluge und gesellige Sozialfigur – das hat die europäische Aufklärung von Denkerköpfen wie Locke und Shaftesbury gelernt. Eine tiefgreifende Krise des europäischen Geistes und dramatische Veränderungen der Sozial- und Staatenwelt ziehen dann herauf, das absolutistische Machtsystem gerät zunehmend unter Legitimationsdruck, und eine schillernde bürgerliche Oppositionsintelligenz macht von sich reden. Zuerst versammeln sich in Frankreich Freidenker und Libertins in Salons und Kaffeehäusern, in Zeitungs- und Zeitschriftenredaktionen, bald in der berühmten "Enzyklopädie".
Auch die Aufklärung in Deutschland ist ein Teil dieses europaweiten bürgerlichen Aufbruchs- und Reformprojekts gewesen, wenngleich weniger radikal als in Frankreich und nicht so stark mit politischem Pragmatismus aufgeladen wie in England. An dem jüdisch-deutschen Philosophen Moses Mendelssohn und an Wilhelm von Humboldt versucht Geier, den deutschen Traum von der Aufklärung nachvollziehbar zu machen.
Das Buch "Aufklärung – Das europäische Projekt" ist am 16. Januar erschienen. Radio-Bremen-Redakteur Harro Zimmermann stellt es vor.
Buchtipp: Manfred Geier "Aufklärung – Das europäische Projekt", [3:33]
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