Buch-Tipp
Zum ersten Mal liegt eine umfangreiche, auf neugefundenen Materialien beruhende Biographie des Schriftstellers Alfred Döblin (1878-1957) vor. Der Berliner Publizist Wilfried F. Schoeller hat sie nach jahrelangen Recherchen erarbeitet. Döblin war nicht nur der Autor des "Berlin Alexanderplatz", sondern ein "Tatsachenphantast" mit außerordentlichem Imaginationsvermögen.
Wilfried F. Schoellers Döblin-Biografie, [4:57]
Buch-Tipp von Harro Zimmermann
"Wer heute an Alfred Döblin denkt, dem fällt vor allem sein "Berlin Alexanderplatz" ein. Wie eine "Grabplatte" lastet der Roman auf der Überlieferungsgeschichte dieses Lebenswerkes", sagt Wilfried F. Schoeller. Dabei hat der 1878 in Stettin geborene Döblin, dieser Modernist schlechthin, Bücher geschrieben, die den Stoff- und Imaginationskosmos des Berlin-Romans weit übertreffen.
Döblin, der Berliner Armenarzt, die umtriebigste aller kulturpolitischen Ikonen der Weimarer Republik, hat sich in chinesischen Wunschwelten und Mythen, in den Berg- und Waldschluchten Südamerikas, in den Schützengräben beider Weltkriege, in der Historie deutscher Haupt- und Staatsaktionen herumgetrieben. Döblin sei ein Tatsachenphantast gewesen, schreibt Schoeller, der das historisch Vorfindbare zu einer neuen Spiritualität verwandeln konnte, der die Tiefe der Gegenwart erfindend neu gefunden und definiert hat – ein Massenzeitalter der Hurra brüllenden Menschenverderbnis.
Döblin, der Avantgardekünstler, begründet den deutschen Expressionismus mit. Er befasst sich früh und maßgeblich mit Film und Rundfunk und setzt sich mit dem Christentum und dem Kommunismus auseinander. Zeitlebens beunruhigen ihn Probleme der Religionen, bis hin zur Konversion zum Katholizismus in Amerika. Obwohl Döblin einer der hellwachsten Zeitgenossen der Weimarer Republik gewesen ist, muss Wilfried Schoeller feststellen, dass ausgerechnet er die Heraufkunft des Nazitums in Deutschland unterschätzt hat.
Fragen über Fragen an ein vielschichtiges und erratisches Werk, an eine oft rätselhaft verschlossene Biographie, eine Persönlichkeit mit Gegensätzen und Widersprüchen. Nichts scheint einfach und evident am Werk Döblins, die Phantasmagorien seiner Romane und Erzählungen lassen sich nirgendwo kurzschließen mit den historischen Entwicklungen der zwanziger und dreißiger Jahre. Sie bieten allen Gegenzauber auf wider die Welt der rechnenden Profiteure, der großmäuligen Einheitsdenker und Ideologen.
Alfred Döblin, der Jude aus dem Berliner Intellektuellenmilieu, hat Deutschland 1933 sofort verlassen und ist über die Schweiz und Frankreich in die USA emigriert, wo er nicht reüssieren konnte und gleichsam verschollen war. Auch deshalb ist er 1945 voller Hoffnungen nach Deutschland zurückgekehrt. Doch in der jungen Bundesrepublik fand der von vielen vergessene Autor keine Heimat mehr. Die Verlage verweigerten sich, die Kultur der Inneren Emigration war ihm nicht wohl gesonnen, und auch die offizielle Politik tat sich schwer. Noch einmal sah sich Alfred Döblin zur Emigration gezwungen, er ging nach Paris, in seine andere, vielleicht "bessere" Heimat, und nur noch einmal, zum langwierigen einsamen Sterben, kommt er 1957 nach Deutschland zurück.
Wilfried F. Schoeller hat die erste so gründliche wie zuverlässige Döblin-Biographie geschrieben, auf der Basis interessanter Neufunde und in einer reflektierten Darstellungsform und Sprache, die dem Werk dieses großen Protagonisten gerecht wird.
Buchinfos:
Wilfried F. Schoeller: Alfred Döblin. Eine Biographie. Hanser Verlag 2011, 912 Seiten; 34,90 Euro
Der Tatsachenphantast: Alfred Döblin
Ein Gespräch mit Wilfried F. Schoeller
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