Buch-Tipp
Christoph Ribbat: Flackernde Moderne, Franz Steiner Verlag
Das Neonlicht gilt allgemein als kalt und anonym. Diese weiße OP-Helligkeit ist aber weit mehr als eine leuchtende Edelgas-Röhre, sondern ein Symbol des 20. Jahrhunderts für Fortschritt, bunte Werbung und schillernde Popkultur. Aufgeschrieben hat diese bunte Geschichte der Paderborner Amerikanist und Kulturforscher Christoph Ribbat. Wolfgang Rumpf stellt sein Buch "Flackernde Moderne" vor.
Christoph Ribbat "Neonlicht", [3:58]
Buch-Tipp von Wolfgang Rumpf
Anfangs waren die Bürger im Dunkel der amerikanischen Provinz im Jahr 1928 geschockt vom hellen Lichtschein über der Stadt Missoula in Montana. Sie hielten das starke Neon der bunten Werbelichter, das über der Stadt schwebte, für ein Großfeuer und riefen die Polizei. Doch vor allem in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts war der Siegeszug der neuen und billigen Leuchtstoffröhren nicht mehr aufzuhalten. Las Vegas wurde bunt, New York leuchtete am Times Square, Pepsi Cola, Camel und Chrysler nutzen das neue Licht zu opulenten Reklameaktionen. Simon and Garfunkel schlenderten durch New York und kritisierten Konsum und Neonreklame als die neuen Götzen der Zeit.
Später, als Neon für die Reklamewelt längst an Bedeutung verloren hatte, beschäftigten sich Musiker und Künstler mit der Leuchtstoffröhre, schrieben Songs über Neon oder kontrastierten den modernen und kalten Stoff der Popkultur mit im Wald gesammeltem Hölzern und Naturmaterialien, wie Mario Merz mit seinem berühmten Iglu oder Bruce Nauman mit seinen Installationen.
Neonlicht, schreibt der Amerikanist und Kulturforscher Ribbat in seinem populär und journalistisch geschriebenen Essay, sei zunächst die Metapher der technisierten Moderne gewesen, hätte das dunkle 19. Jahrhundert durch das helle 20. ersetzt und letztlich zu einer gewissen Unwirklichkeit der Städte geführt. Das bestätigen Schriftsteller wie Allan Ginsberg, Hunter S. Thompson oder Nelson Algren, für die Neon zur Metapher der Unterdogs, zum kalten Licht der Konsumgesellschaft wurde. Denn dort, in den Kneipen und Kaschemmen und im Drogenmilieu war das Summen der Neonröhre nicht mehr der Inbegriff der strahlenden Reklamewelt, sondern der Sound der Verlorenen.
Heutzutage hat Neonlicht für die werbetreibende Wirtschaft längst an Bedeutung verloren, andere Technologien wie riesige Flachbildschirme oder computeranimierte Filme und Werbefiguren lassen eine Neonreklame schön altmodisch aussehen. So fällt Ribbats Spaziergang durch fast 100 Jahre flackernde Moderne und Kulturgeschichte auch ein wenig nostalgisch aus.
Ein lesenswertes Buch, das den phantasievollen Umgang von Musikern und Künstlern, Literaten und Designern mit jener summenden Röhre glänzend und amüsant beschreibt.
Buchinfos:
Christoph Ribbat: Flackernde Moderne. Die Geschichte des Neonlichts. Steiner Verlag 2011, 221 Seiten, 24 Euro
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