Buch-Tipp
Hans Pleschinski: "Nie war es herrlicher zu leben, Das geheime Tagebuch des Herzogs von Croÿ", C.H. Beck 2011, 24,95 Euro
Ein Tagebuch aus dem Frankreich des 18. Jahrhunderts bietet die Möglichkeit, das politische, gesellschaftliche und private Leben dieser Zeit wie auf einer Zeitreise kennenzulernen: Ein französischer Marschall aus altem Adel, Emmanuel von Croy hat es über 60 Jahre lang geschrieben und dort akribisch seine Beobachtungen festgehalten. Erstmals ist jetzt eine Auswahl von Hans Pleschinski für das deutsche Publikum herausgegeben worden, unter dem Titel "Nie war es herrlicher zu leben - Das geheime Tagebuch des Herzogs von Croÿ". Lore Kleinert hat es gelesen.
Hans Pleschinski: "Nie war es herrlicher zu leben", [3:44]
Gefilde der Freuden - so ist das Kapitel überschrieben, in dem der Herzog von Croÿ den viertägigen Besuch einer Gesellschaft im Schloss Chantilly beschreibt: Man promeniert, jagt, ruht sich aus und gibt sich allerhand Lustbarkeiten hin. Der Gastgeber, der Prince de Condé ist erst siebzehn, seine Frau sechzehn Jahre alt, der Herzog selbst wurde in diesem Jahr 1754 sechsunddreißig.
Emanuel Herzog von Croÿ stammte aus dem Hochadel des deutsch-französischen Grenzgebiets. Sein Vater starb, als er noch ein Kind war, und in der vergleichsweise kurzen Zusammenfassung seiner Jugendjahre ist ganz überwiegend von Krankheiten die Rede, die er mühsam überwindet, bis er schließlich beim Militär "arg gedrillt" wird, wenn auch nicht mit nachteiligen Folgen. Auch Deutschland durchstreift der junge Offizier; sein Tagebuch begleitet ihn von Anfang an, und er ist ein scharfer Beobachter des eigenen, adligen Standes.
Emanuel von Croÿ kannte sie alle, die Monarchen und Mätressen, die Weltverbesserer und Naturforscher, und er selbst interessierte sich für die schönen Künste und Wissenschaften seiner Zeit. Mit Rousseau debattierte er, wie er seine Schriften über Botanik abhandeln solle. Das hinderte ihn nicht daran, kräftig zu lästern - zum Beispiel über Voltaire, den er gleichwohl bewunderte.
Auch politisch war der Aristokrat ein wacher Geist - so erschien ihm die revolutionäre Republik der Amerikaner als einleuchtende Errungenschaft: Das Land, so schreibt er über Benjamin Franklin, dem er als Botschafter der USA in Paris und auf dem Gipfel seines Ruhms begegnete, sei "wie ein Traum". Noch auf dem Totenbett, 1784, genoss er es, mit den Brüdern Montgolfier, den Erfindern der Luftfahrt und ihren ersten Reisenden zu arbeiten und sie zu unterstützen.
Dieses Tagebuch eines klugen und offenen Mannes, der sein privilegiertes Leben im Ancien Régime zwar nicht in Frage stellt, wohl aber mit scharfem Blick betrachtet, regt die Vorstellungskraft an, auch was die vielen Zwänge betrifft, denen der Adel unterworfen war und an denen diese Gesellschaft letztlich erstickte. Sich zu ducken, Intrigen zu spinnen, nach Ämtern und Rangerhöhungen zu jagen – all das gehörte dazu, und der Herzog von Croÿ erfasst es mit Wissbegierde und Wahrhaftigkeit; wir lernen ihn als Menschen einer anderen Epoche kennen und begreifen in seiner Zeitgenossenschaft auch ihre Entfernung.
Buchinfos:
Hans Pleschinski: "Nie war es herrlicher zu leben, Das geheime Tagebuch des Herzogs von Croÿ", C.H. Beck 2011, 24,95 Euro
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