Buch-Tipp
Am 21. November 1811 nahm sich der 34jährige Dichter Heinrich von Kleist am Berliner Wannsee das Leben. Zuerst erschoss er seine Begleiterin Henriette Vogel, danach sich selbst. Der Nachhall beider Schüsse ist in der Literaturgeschichte bis heute gewaltig. Diesem traurigen Ende haben sich viele Biografen im Jubiläumsjahr noch einmal neu angenommen. Auch Adam Soboczynski in seinem Buch „Vom Glück des Untergangs“. Elke Schlinsog stellt es vor.
Adam Soboczynski: "Kleist. Vom Glück des Untergangs", [3:54]
Buch-Tipp von Elke Schlinsog
Adam Soboczynski: "Kleist. Vom Glück des Untergangs", Luchterhand Litertaurverlag 2011
"Der 21. November 1811 ist ein kalter Herbsttag." - so beginnt Adam Soboczynski seine Biografie mit jener Szenerie am Berliner Wannsee, die vielfach beschrieben wurde: Heinrich von Kleist und Henriette Vogel bestellen sich Kaffee und Rum ans Wannsee-Ufer, sie wirken vergnügt und ausgelassen - doch kurz darauf fallen zwei Schüsse. Am Vorabend des Selbstmords, schreibt Soboczynski weiter, ist der Dichter finanziell ruiniert, dem Lesepublikum unbekannt, von der eigenen Familie verstoßen - und der Biograf fragt völlig zurecht "Kann man gründlicher scheitern?". Soboczynski zeichnet Kleists Leben und Werk aus einer anderen, ungewöhnlichen Perspektive nach: Sein Buch ist dem maßlosen Glück des Dichters auf der Spur.
Der 1777 geborene Adelssohn aus Frankfurt an der Oder jagt in seinem kurzen Leben vielfach dem Glück hinterher: Als preußischer Offizier, als Finanzbeamter, Zeitschriftenherausgeber, als Dichter sowieso. Bei Adam Soboczynski lesen wir, dass Kleist immer dann am glücklichsten war, wenn die Lage am aussichtslosesten schien. Diesem Wiederspruch spürt Soboczynski in Kleists unruhiger Biographie auf und erstellt ein Psychogramm.
"Wie nur lässt sich Ruhm erringen ohne Sieg? Wie kann dem Leben Versöhnliches, Heiteres abgerungen werden, wenn einem der Kampf ums Obenbleiben alles ist?" - besser könnte sein Biograf Kleists Lebenswiderspruch nicht pointieren. Wer sich Kleist mit Adam Soboczynski nähert, erfährt Grundsätzliches über den Umgang mit Erfolglosigkeit - was er da geschrieben hat, ist auch ein Lebensratgeber.
In Kleists letzten Briefen vor seinem Freitod am Berliner Wannsee ist vom "Triumphgesang" die Rede, den seine Seele im "Augenblick des Todes annimmt". Man hat die befremdliche Freude, die Kleist angesichts seines Todes empfand, oft als Entrückung gedeutet. Genau gesehen, schreibt Soboczynski, entwirft Kleist aber im Schreiben die gewaltigen Untergangsszenarien immer als Glücksmomente.
Adam Soboczynski, Kleist-Kenner, der schon 2007 mit seinem 300-Seiten Essay "Versuch über Kleist" brillierte, kann nun auf knapp 90 Seiten Kleists Leben, Leiden und Lieben pointieren - und das auf eine leichte wie unterhaltsame Weise, die selbst die frühromantische Idee spielend auf den Punkt bringt. Das schmale Bändchen macht große Lust, sich den Klassiker der Zerrissenheit noch einmal vorzunehmen.
Buchinfos:
Adam Soboczynski: "Kleist. Vom Glück des Untergangs", Luchterhand Litertaurverlag 2011, 14,99 Euro
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