Buch-Tipp
Der Autor und Songwriter Jan Böttcher hat 2008 im Rahmen des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbes den Ernst-Willner-Preis erhalten und damit auf sich aufmerksam gemacht. Nun hat er mit "Das Lied vom Tun und Lassen".einen Roman vorgelegt, in dem sich ein 60-jähriger Lehrer, ein Schulgutachter und eine achtzehnjährige Schülerin begegnen – drei Personen, drei Stimmen, drei Generationen und ein Selbstmord.
Jan Böttcher "Das Lied vom Tun und Lassen", [3:50]
Buch-Tipp von Hans-Heinrich Obuch
Das Lied vom Tun und Lassen, Jan Böttcher, erschienen bei Rowohlt
Der Selbstmord einer Schülerin – schockierend, lähmend. Warum suchte die junge Frau den Tod? Was hat sie verzweifeln lassen? Warum diese ultimative Entscheidung? Natürlich gibt es Interpretationen, die wie Antworten wirken sollen. Aber können die Hinterbliebenen, die Zurückgelassenen, diesen Schritt wirklich erklären? Wohl kaum. Und so ist dieser Roman dann auch so etwas wie eine sensible Spurensuche – die Geschichte von drei Menschen, die sich mit dem Tod, aber auch mit der schulischen Atmosphäre, mit dem Leben in der Provinz, mit Träumen und Enttäuschungen, mit Sehnsüchten und Niederlagen auseinandersetzen wollen.
Der Schulgutachter kommt als Repräsentant einer vermeintlich objektiven Beobachtungsmethode in diese Welt, doch seine Selbstsicherheit bröckelt, als er den ihm fremden Schulalltag und die Freizeit der Schüler erlebt. Es entwickelt sich eine Beziehung zwischen ihm und der Schülerin Clarissa – sie ist keine raffinierte Lolita, kein zu jung geratener Vamp, stattdessen eine sehr empfindsame, vom Suizid ihrer Mitschülerin erschütterte Person. Und dann ist da noch der Lehrer. Manuel Mauss ist Witwer, kommuniziert immer noch in seiner Gedankenwelt mit seiner Frau, holt gewissermaßen ihren Rat ein, ahnt auch, was sie ihm wohl sagen würde, wenn er wieder einmal nicht mehr weiter weiß. Ansonsten gilt er als Mentor seiner Schüler, als der große Versöhner und Schülerflüsterer, der den Jungen und Mädchen abseits des Unterrichts Raum für ihre Sorgen, ihren Frust, ihre über die Schule hinausgehenden Wünsche gewährt.
Jan Böttcher gibt Mauss, dem Schulgutachter Engler und der Schülerin Clarissa jeweils ein Kapitel. Wir lernen ihre jeweilige Sprache, ihre Wahrnehmung, ihr Leid und ihre verkümmerten Freuden kennen. Drei Menschen, drei Charakter, drei Temperamente, drei Empfindungen. Das Resultat: Eine intensive Stimmung, in der sich die drei Generationen fremd, aber nicht feindselig gegenüberstehen, sich um Kontakt bemühen, auch wenn dieser nicht unbedingt zustande kommt. Hier der verunsicherte und hilflose Gutachter, dort die trauernde, zärtliche und gleichwohl spröde Schülerin und dann schließlich der aufbegehrende und verbitterte Lehrer, der sich angesichts der heutigen Elterngeneration die ehemalige zurückwünscht...
Jan Böttcher lässt die Leser in die Seele von Menschen von heute schauen, ihre Verzweiflung erkennen, ihre Tapferkeit, auch ihren Wankelmut. Er zeigt in seinem Roman "Das Lied vom Tun und Lassen" wie drei Generationen versuchen, miteinander Nähe und Distanz auszuloten – und das in einer leisen und gerade deswegen eindringlichen Sprache.
Buchinfos:
Jan Böttcher: "Das Lied vom Tun und Lassen". Suhrkamp Verlag 2011, 19,95 Euro
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