Buch-Tipp
Cees Nooteboom: Briefe an Poseidon, Suhrkamp, 2012
Briefe an Poseidon, [3:44]
Buchtipp von Lore Kleinert
Cees Nootebooms Werk wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, und mit seinen Gedichten war er mehrfach zu Gast beim Bremer Literaturfestival "Poetry on the Road". Die Idee zu seinen "Briefen an Poseidon" entstand in einem Fischrestaurant am Münchner Viktualienmarkt, bei einem Glas Champagner und kurzen Texten von Sandor Marai:
"…doch was ich in der Hand halte, ist das Werk eines Zeitgenossen, eines Menschen, der sein Leben mit Beobachten und Lesen, Reisen und Schreiben verbringt."
Als Nootebooms Blick auf die Serviette mit dem Aufdruck "Poseidon" fällt, nimmt er es als Zeichen und beschließt, wenn er Marais Buch beendet hat, Briefe zu schreiben, "kleine Wortsammlungen", die von seinem Leben berichten.
Und was er da zwischen den philosophischen Befragungen eines entfernten Gottes versammelt, sind die wundersamsten Fundstücke: Ein kleiner Stein in Buenos Aires, eher "die steingewordene Fahne eines unbekannten Regiments, rot, hellgrau, rot", der ihn seither erwartet, denn der vielreisende Dichter nutzt Dinge, die unscheinbar und von einer für andere nicht wahrnehmbaren Schönheit sind, um sich in anonymen Zimmern heimisch zu fühlen.
Oder die Geschichte vom Walfisch – was passiert mit diesem über hundert Tonnen schweren Tier, wenn es nach seinem Tod auf den Grund des Ozeans sinkt? Ein Leichenschmaus mit Tausenden von Gästen, deren gemeinsames Bestattungskunstwerk Nooteboom mit Lust schildert.
"Haie und leichenfressende Aale sind die ersten Gäste, zusammen mit fast 40 Arten von Schalentieren und Fischen… jeder, der diese große Tiefe aushalten kann, meldet sich zur Stelle, frisst sich durch Blubber und Fäulnis weichen Fleisches, bis er beziehungsweise sie nicht mehr kann, dieses Verspeisen dauert Monate oder wenn es sich um einen ausgewachsenen Blauwal handelt, auch zehn Jahre, Zeit spielt da unten keine Rolle."
Der Gedanke der Gleichzeitigkeit fasziniert Cees Nooteboom: Er, der Dichter, stellt sich vor, am Ball des Ambassadeurs in Buenos Aires 1938 teilzunehmen, er sieht die künftigen Feinde des heraufziehenden Krieges alle im selben Raum, vereint im Tanz. Er hört "vielsprachige Sätze, eingefroren mitsamt ihrer Bedeutung", und zugleich weiß er, dass die Körper dieser Menschen auf Friedhöfen von fünf Erdteilen verwahrt sind, – eine der vielen klugen Geschichten, ausgelöst durch eine vergilbte Postkarte vom schönsten Trödelmarkt Argentiniens, auch sie ein Fundstück, das wir betrachten können.
Die Niederländer der Ostindischen Kompanie waren vor vielen hundert Jahren die einzige Verbindung Japans zum Ausland, und wenn Nooteboom ihre Namen liest, mischt sich das Damals der stattlichen Handelsschiffe mit ihren Kaufleuten aus seiner eigenen Heimat mit der Gegenwart einer Stadt, deren Uhren zum Zeitpunkt des Atombombenabwurf 1945 stehengeblieben waren. Er wendet sich an den Gott des Meeres und weiß doch, dass die Götter, diese "Sinnbilder einer Wirklichkeit vor der Geschichte", nichts anderes sind als Träume, Fiktionen, mögliche Antworten auf "die Fragen, aus denen wir bestehen" und die doch immer unbeantwortet bleiben. Wer die Macht hat, schreibt Nooteboom, bringt seine Götter mit, wer sie verliert, lässt seine Götter fallen, und er stellt Poseidon Fragen, ohne auf Antwort zu hoffen.
Es ist ein großes Vergnügen, Cees Nooteboom beim "Gedankenpurzeln" begleiten zu dürfen, seinem höchst kreativen Zustand der Verwirrung, der Fundstücke und Gedanken wie ein Kaleidoskop immer wieder neu zusammenfügt.
Buchinfos:
Cees Nooteboom: Briefe an Poseidon. Suhrkamp Verlag, 224 Seiten, 19,95 Euro.
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