Buch-Tipp
Thomas Medicus: Melitta von Stauffenberg, Rowohlt, 2012
Melitta von Stauffenberg, Schwägerin des bekannten Hitler-Attentäters, arbeitete als Testpilotin und Flugzeug-Ingenieurin in der deutschen Luftwaffe, obwohl sie Halbjüdin war. Um ihren Tod kurz vor Kriegsende ranken sich bis heute Gerüchte über angeblich deponierte Geheimpapiere. Thomas Medicus versucht in seiner Biografie das Geheimnis um die unnahbare, so interessante Frau zu lüften. "Melitta von Stauffenberg – ein deutsches Leben" heißt sein Buch. Christina Hinz hat es gelesen und stellt es vor.
Obwohl sie als "Jüdischer Mischling ersten Grades" geboren wurde, stellte das für Melitta von Stauffenberg geborene Schiller zu Beginn ihrer Karriere keine große Einschränkung da. Als studierte Physikerin und Besitzerin sämtlicher Fluglizenzen wurde sie hochgeschätzt. Zeichen dafür waren die Einrichtung einer eigenen Forschungsstelle, sowie die persönliche Überreichung des Eisernen Kreuzes und des Goldenen Militärflugzabzeichens mit Brillianten und Rubinen durch Hermann Göring.
Als Spezialistin für Sturzkampfflugzeuge machte sie alle Tests selber, teilweise bis zu 15 Stück am Tag. Dabei entwickelte sie Zielvorrichtungen für den Bombenabwurf, optische Geräte und Methoden für die Nachtlandung von Jagdflugzeugen. Doch trotz dieser Fortschritte konnte sie ihre Vergangenheit nicht verheimlichen und so wurde, als ihr Ehemann, der Historiker Alexander Graf Schenk von Stauffenberg, zum ordentlichen Professor berufen werden sollte, die Geburtsurkunde ihres jüdischen Vaters, Michael Schiller, aufgespürt. Dieser Königlich Preußische Landesbauinspektor war Vater von fünf Kindern und konvertierte vom Juden- zum Christentum.
Doch sie ließ sich durch diese Entdeckung nicht zurückwerfen und setzte alles daran per Dekret "Deutschblütigen" gleichgestellt zu werden. Durch ihre guten Beziehungen zur Spitze der Luftwaffenführung hatte sie Erfolg und am 25. Juni 1941 bekam sie als eine der wenigen die Bescheinigung des Reichssippenamtes nun deutschblütig zu sein.
Keine klaren Aussagen über Zusammenhang mit NS-Regime
Thomas Medicus schreibt anschaulich, minutiös über ihre behütete Kindheit, ihre beispiellose Karriere, über ihre Ehe oder die intensive Affäre mit einem jungen Fliegerkollegen. Allerdings fehlen klare Aussagen darüber, inwieweit sie mit dem NS-Regime sympathisierte, beziehungsweise sie sich bewusst in den Dienst der Kriegsmaschinerie stellte.
An dem Hitler-Attentat ihres Schwagers Claus von Stauffenberg am 20. Juni 1944 war sie nicht beteiligt, zumindest fand Thomas Medicus keine stichhaltigen Beweise. Kurz vor Kriegsende stürzte sie mit ihrer Bücker 181 in Bayern ab und starb an ihren Verletzungen. Melitta von Stauffenbergs Lebensweise bleibt, so ihr Biograph Medicus, ein Mysterium, doch seine gründlichen Recherchen verleihen dieser Persönlichkeit neue Konturen.
Thomas Medicus: Melitta von Stauffenberg, [4:01]
Ein Buch-Tipp von Christina Hinz.
Buchinfos:
Thomas Medicus: Melitta von Stauffenberg – ein deutsches Leben. Rowohlt Berlin 2012, 22,95 Euro
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