Buch-Tipp
Johannes Willms: Talleyrand - Virtuose der Macht 1754-1838, H.C.Beck, 2011
Johannes Willms "Talleyrand", [3:54]
Buch-Tipp von Harro Zimmermann
Er gehört zu den berühmtesten Figuren der europäischen Geschichte und gilt noch heute in Frankreich als die schillerndste Persönlichkeit, wenn nicht als die Ikone der Ära Napoleons. Auch wenn er sehr verschiedenen politischen Herren hat dienen müssen, war Talleyrand ein Mann des frühen Liberalismus. Er trat ein für Frieden und Völkerverständigung und hat nichts mehr gehasst als die Exzesse der Macht. Sein von Legenden umwobenes Leben ist jetzt noch einmal neu und umsichtig von Johannes Willms dargestellt worden.
Auch wenn Talleyrand in Frankreich einen gespaltenen Nachruhm besitzt, wie Johannes Willms weiß, eine Aura ohnegleichen besitzt er immer noch. Im Verlauf seines langen Lebens hat er fünf politischen Regimen gedient, er hat vierzehn Loyalitätsschwüre und Gelöbnisse abgelegt, die er nach Bedarf einhielt oder brach, und er hat so erfolgreich, wie kaum jemals ein Politiker, seine eigene Legende geschaffen.
Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord, 1754 in Paris als Sohn einer adelsstolzen Familie geboren und 1838 als eine famose und hochbegüterte Persönlichkeit der Weltgeschichte in Paris gestorben – er hob die Französische Revolution mit aus der Taufe und versuchte ihr die jakobinischen Zähne zu ziehen. Er hat dem bürgerlichen Direktorium zum Durchbruch verholfen und dann seine Entmachtung zugunsten Napoleons betrieben, er war der Außenminister des größten Feldherrn aller Zeiten und hat später für dessen Sturz gesorgt. Es ist ihm gelungen, das verhasste Frankreich auf dem Wiener Kongress wieder ins Konzert der europäischen Solidarmächte zurück zu holen, er stellte sich widerwillig auf die Seite der zurückkehrenden Bourbonen und wurde am Ende doch zu einem ihrer Sargträger.
Seine Zeitgenossen haben ihn verehrt und bewundert, gehasst und verachtet, und noch heute zeigt er sich uns als Moralist und Schlawiner, als Karrierist und Verschwender, aber auch als einer, der Freund und zuverlässiger Partner sein konnte. Er war Liebhaber schöner und geistreicher Frauen, und er hat zeitlebens nie etwas zurückgenommen von dem, was er war und wie er war.
Das Leben von Monsieur de Talleyrand ist in seine Gesichtszüge eingeschrieben: Sein Teint ist fahl, seine Wangen wirken wie die eines Toten und hängen herab, seine erloschenen Augen blicken arrogant, sein Mund, der vielleicht der einzige dieser Art ist, kündet gleichermaßen von Ausschweifung, Überdruss und Geringschätzung. Wenn er sich auf seinen bizarr verkrümmten Beinen fortbewegt, die er mehr nach sich zu ziehen scheint, als dass sie ihn tragen, glaubt man eines jener Monster aus den Märchen zu sehen, halb Mensch, halb Schlange.
Aber ist er das wirklich, was die Porträtisten von ihm bezeugen, was viele Historiker über ihn sagen? Johannes Willms will den Legenden über das französische Politikergenie keine weitere hinzufügen. Der Staatsdenker und Stratege Talleyrand war nie ein eingefleischter Monarchist, sondern zeitlebens ein unverbesserlicher, oft sogar oppositioneller Liberaler, der unverdrossen für eine europäische Friedens- und Gleichgewichtsordnung warb, der die Segnungen einer modernen Republik zu schätzen wusste, auch wenn er gegen Ende seines Lebens wieder aufseiten der Bourbonen stand, der für Pressefreiheit und Verfassungen, überhaupt für bürgerliche Eigentums- und Rechtsverhältnisse eintrat und den Krieg aus Herzensgrund hasste. An diesen politischen Grundwerten hat der so genannte Karrierismus Talleyrands oft genug seine Grenzen gefunden. Johannes Willlms hat ein zuverlässiges, kenntnisreiches und sehr gut lesbares Buch über den legendären Politiker geschrieben.
Buchinfos:
Johannes Willms: "Talleyrand. Virtuose der Macht 1754-1838". C.H. Beck Verlag 2011, 384 Seiten, 26,95 Euro
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