CD-Tipp
Seit gut eineinhalb Jahren zeigen die Nachrichten Bilder des arabischen Frühlings: Demonstrationen, Unruhen und Aufstände – Massen von Menschen, die ihre Rechte auf der Straße einklagen und Diktatoren zu Fall bringen. Den Beginn machte Tunesien, wie bei einem Domino-Effekt folgten Algerien, Ägypten, Libyen und Syrien. Jetzt hat mit Emel Mathlouthi eine junge Frau aus Tunis ihre rebellischen Songs auf CD veröffentlicht.
Bob Dylan, der auch mal als Stimme der Revolution gehandelt wurde, war gestern. Wie klingen eigentlich heute die Stimmen, die zur Befreiung der Unterdrückten aufrufen? Eine von ihnen ist Emel Mathlouthi aus Tunesien.Geboren und aufgewachsen ist die heute 30-jährige Emel Mathlouthi in Tunis. Ihr musikalischer Background? Das sonntägliche Frühstück läutete ihr Vater stets mit Vivaldis "Vier Jahreszeiten" ein, ansonsten gab es Jazz und Blues zu hören: Billie Holiday oder Mahalia Jackson waren ihr sehr viel geläufiger als die Chanson-Legenden ihrer Heimat. Als Jugendliche interessiert sich Emel für Rockmusik, schwärmt für Led Zeppelin, Pink Floyd und Nirvana. Wenig später begeistert sie sich für american folk, Joan Baez wird ihr Idol. Erste Bühnenerfahrungen mit Gitarre und eigener Rockgruppe folgen, ihre Mathe- und Informatik-Kommilitonen bringen ihr elektronische Musik näher, außerdem interessieren sie die engagierten, sozialkritischen Lieder etwa des Libanesen Marcel Khalife. Daraus entstehen ihre ersten eigenen Songs.
"Ma lkit" singt sie, "ich habe keine Worte gefunden, die meine Verwirrung und meine Ohnmacht ausdrücken könnten". Da sie im damaligen Tunesien, unter der Diktatur Ben Alis, nur selten zu Auftrittsgelegenheiten kommt, geht sie 2007 ins Exil. Ihr international prämiertes Lied „Ya Tounes ya meskina“ – „armes Tunesien“ verhalf ihr in Frankreich zu Visum und Stipendium.In ihrer Pariser Wahlheimat feilt sie weiter am Songwriting. Keine aufwendige instrumentale Virtuosität, sondern elektronisch erzeugte, sphärische TripHop-Klangwelten werden so zum charakteristischen Stilmittel ihrer Lieder mit klarer Botschaft: "Wir haben genug davon, unser Gesicht zu verhüllen…–"
Emel reiste zwar regelmäßig nach Tunesien und trat dort in kleinen Clubs und Theatern auf, vor allem aber die Generation Facebook machten es möglich, dass ihre Lieder auch in Tunesien Gehör fanden. Als der Diktator Ben Ali ihre Facebook-Seite mit 30.000 Fans im Januar 2011 sperren ließ, galt ihr Song "Kelmti horra" – "meine Worte sind frei" längst als heimliche Hymne der Jasminrevolution.
CD-Tipp: Kelmti horra, [4:12]
Andreas Kisters über das Album von Emel Mathlouthi
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