Luchs
Der Ich-Erzähler im Buch "Damals, das Meer" berichtet über sein Leben in einem englischen Internat. St. Oswald, so heißt diese Bildungsanstalt. Für den namenlosen Erzähler bedeutet sie den bereits dritten Anlauf, den letzten Versuch einer bisher ziemlich missglückten Bildungskarriere. Es ist ein Ort des Grauens. Ekelhaft, eisig kalt, einfach unmenschlich.
Der Zeit-Rezensent Wilhelm Trapp schreibt: "Meg Rosoff berichtet davon so direkt, als steige die graue, giftige Atemluft von St. Oswald aus dem Buch auf, aber sie erzählt gleichzeitig so raffiniert und staubtrocken witzig, dass man die Seiten gierig einsaugt wie starke, verbotene Zigaretten."
Meg Rosoff: Damals, das Meer Carlsen Verlag
Das Leben spielt nicht in den alten Gemäuern, es ist woanders. Es ist draußen. Bei dem geheimnisvollen Finn, der in einer Hütte lebt.
"…Eine verträumte Stille breitete sich aus. Ich lehnte zusammengesunken an der Hütte, beobachtete das sanfte Auf und Ab der Wellen und beruhigte meinen Atem, bis nichts mehr zu hören war und die Welt nur noch aus Sand und Meer und Himmel bestand. Kurz darauf wich die Wolkendecke plötzlich hellen Sonnenstrahlen, und auf dem trägen matten Meer hüpften funkelnde Diamanten. 'Was machst du hier?' Erschrocken blickte ich auf. Vor mir stand jemand in ungefähr meinem Alter, mit schwarzen Augen und skeptischer Miene. Er war schlank, etwas größer als der Durchschnitt und barfuß, sein dickes Haar unfrisiert und struppig. Ein dicker, altmodischer Fischerpullover hing über ausgebeulten, langen Shorts, die aus einer abgeschnittenen und dann hoch gerollten Hose bestanden. Er kam mir unglaublich vertraut vor, wie eine Traumausgabe von mir selbst, mit genau dem Gesicht, von dem ich mir immer gewünscht hatte, es würde mich aus dem Spiegel ansehen…."
Ein Buch über Freundschaft, Liebe, Sehnsucht.
Die Amerikanerin Meg Rosoff wurde 1956 in Boston geboren. Sie studierte drei Jahre in Harvard, danach besuchte sie ein Jahr lang die Kunsthochschule in London. Dann ging sie nach New York, um in der Werbung zu arbeiten. 1989 zog es Meg Rosoff wieder nach London, geplant hatte sie für drei Monate. Sie ist geblieben und lebt heute dort gemeinsam mit ihrem Mann und ihrer Tochter. "How I live now" ist ihr gefeierter Debütroman. Das Buch erzählt von einem mysteriösen Bürgerkrieg, der das Leben in England zerstört und fünf Kinder zu einer Odyssee zwingt. Ihr zweites Buch, Just in Case, gewann den deutschen Jugendliteraturpreis 2008.
Brigitte Jakobeit, Jahrgang 1955, lebt in Hamburg. Sie übersetzt seit 1990 englischsprachige Literatur, darunter die Autobiografien von Miles Davis und Milos Forman sowie Bücher von Lorrie Moore, Jules Feiffer, Alistair MacLeod, William Trevor, Audrey Niffenegger und T Cooper.
Meg Rosoff und Brigitte Jakobeit bei der Verleihung des Luchs des Jahres 2005
Mit dem "Jahresluchs 2005" wurden Meg Rosoff und Brigitte Jakobeit für das Jugendbuch "So lebe ich jetzt" ausgezeichnet.
Meg Rosoff: "Damals, das Meer"
Übersetzung: Brigitte Jakobeit
Carlsen Verlag, Hamburg 2009
ab 14 Jahren, 14,90 Euro
Emil Rothermel liest aus "Damals, das Meer" und Funkhaus-Europa-Moderator Severino Melchiorre spricht mit dem Zeit-Rezensenten Wilhelm Trapp über den Luchs 267.
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