Luchs 297
Beltz & Gelberg, 16,95 Euro
Sommer 1941 in der Ukraine: Für Eljuscha beginnt der Krieg wie ein Familienausflug. Doch in Kiew meldet sich der Vater zur Roten Armee und Eljuscha findet sich nach einer abenteuerlichen Zugfahrt in Kasachstan wieder. Eine völlig fremde Welt, wo man mit Kuhfladen heizt, das Wasser aus dem Fluss holt, wo es nur Tauschhandel gibt und keine Schule. Eljuscha, noch ein Kind, ist jetzt der Mann im Haus und kümmert sich um seine Familie, lernt Hasen jagen und Fische fangen und freundet sich mit den moslemischen Jungen an für ihn wird es ein Königreich. Seine Mutter Esther tut alles, um ihre Kinder durchzubringen, sie spielt bei Dorffesten Balalaika und legt den Nachbarn die Karten. Bei Kriegsende kennt Esther nur ein Ziel – Palästina. Für Eljuscha bedeutet das Abschied und das Gefühl, dass etwas ganz Neues beginnt.
Uri Orlev wurde 1931 als Jerzy-Henryk Orlowski in Warschau als Sohn jüdischer Eltern geboren. Einen Teil seiner Kindheit verbrachte er im Warschauer Ghetto. Sein Vater, ein Arzt, kam als Offizier der polnischen Armee in russische Gefangenschaft. Seine Mutter, eine Chemikerin, wurde von den Deutschen erschossen. 1943 wurde Uri Orlev gemeinsam mit seinem Bruder und seiner Tante in das Konzentrationslager Bergen-Belsen deportiert. Nach der Befreiung durch die US-Armee 1945 gelangten die Brüder mit einem Kindertransport nach Paris, dann nach Israel. Hier lebte Orlev beinahe 20 Jahre in einem Kibbuz.
1976 begann Uri Orlev, für Kinder und Jugendliche zu schreiben. 31 Bücher hat er seither veröffentlicht. Seine Werke wurden in 25 Sprachen übersetzt. Seine Erfahrungen aus dem Krieg hat er in vielen Romanen verarbeitet, etwa in "Der Mann von der anderen Seite" (1988), "Die Insel in der Vogelstraße" (1981) oder "Lauf, Junge, lauf!" (2004). Als "Schreiber des Holocaust" sieht er sich aber nicht. Den Wunsch, seine Kindheit zum Thema seines literarischen Schaffens zu machen, habe er schließlich mit vielen anderen Künstlern gemein.
Uri Orlev hat als Kind gelernt, vor den Schrecken des Krieges in ein Reich der Fantasie zu fliehen. Er begriff sie als Abenteuer: "Ich hatte immer viel gelesen und war neidisch auf die schrecklichen, aufregenden Dinge, die Indianern widerfuhren." Seine Erlebnisse und Träume hielt er in der für Kinder geschriebenen Biographie "Das Sandspiel" (1994) fest. "Irgendwann hatte ich mir ausgedacht, dass der Krieg, die Vernichtung der Juden überhaupt nicht in der Wirklichkeit stattfand. Dass ich das alles nur träumte. In Wirklichkeit war ich der Sohn des chinesischen Kaisers". Die kindliche Perspektive ist für den Autor nicht nur als literarisches Mittel von Bedeutung: "Mit dem Erzählen über meine Kindheit ist es wie mit einem Gang über einen zugefrorenen See. Ich darf nicht zu feste auftreten, ich darf über meine Kindheit nicht als Erwachsener nachdenken, sonst breche ich ein, tauche unter und finde nicht mehr zurück."
Uri Orlev ist einer der renommiertesten israelischen Kinderbuchautoren und wurde unter anderem mit dem Hans-Christian-Andersen-Preis (1996) für sein Gesamtwerk ausgezeichnet. Die Jury urteilte: "Auch wenn seine Geschichten im Warschauer Ghetto oder seiner neuen Heimat Israel angesiedelt sind, verliert er niemals die Perspektive des Kindes, das er war [...]. Uri Orlev zeigt, wie Kinder in harten und schwierigen Zeiten ohne Bitterkeit überleben können."
Uri Orlev lebt heute in Jerusalem. Er ist verheiratet und hat vier Kinder.
Mirjam Pressler wurde am 18. Juni 1940 in Darmstadt geboren. Sie wuchs in einer Pflegefamilie und im Kinderheim auf. An der Akademie für Bildende Künste in Frankfurt am Main studierte sie Malerei und in München Sprachen. Danach arbeitete sie in einem Kibbuz in Israel. Sie hat drei Töchter. Seit 1995 lebt sie mit ihrem zweiten Mann Genio Türke in einem kleinen Dorf in der Holledau in der Nähe von München.
Seit 1980 arbeitet Mirjam Pressler als freischaffende Autorin und Übersetzerin. Sie hat über 30 Bücher geschrieben und mehr als 200 Bücher für Kinder, Jugendliche und Erwachsene aus dem Niederländischen, Flämischen, Hebräischen, Englischen, Jiddischen und Afrikaans ins Deutsche übersetzt. Sie erhielt zahlreich namhafte Auszeichnungen, darunter den den Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreises für ihr Gesamtwerk (2010), den Jugendbuchpreis Corine 2009 für ihren Roman "Nathan und seine Kinder" (Luchs des Monats Februar 2009), den Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreises für ihr Übersetzungswerk (1994), den Deutschen Jugendliteraturpreis (1995), die Carl Zuckermayer-Medaille für ihre Verdienste um die deutsche Sprache (2001) und den Deutschen Bücherpreis (2002).
Mirjam Pressler, die auch Mitglied zahlreicher Jurys für Schreibwettbewerbe ist, hat sich in hohem Maße für die Vermittlung der Literatur aus Israel eingesetzt.
Mirjam Pressler ist eine der renommiertesten Kinder- und Jugendbuchautorinnen. Zuletzt erschien ihr Roman "Ein Buch für Hanna".
Kinder- und Jugendbuchpreis
Seit 1986 zeichnet eine unabhängige Jury Monat für Monat ein herausragendes Kinder- oder Jugendbuch aus. Seit 25 Jahren gibt es die – damals einmalige – heute immer noch außergewöhnliche Zusammenarbeit von Radio Bremen und Die Zeit. Immerhin sind damals erstmalig eine ARD-Anstalt und eine große Wochenzeitung eine Kooperation eingegangen. Und der Luchs ist heute so lebendig wie seinerzeit. Mehr...
Ausgezeichnet
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