Luchs 300
"Was, wenn es nur so aussieht, als wäre ich da?" von Oscar Brenifier und Jacques Després ist mit dem Luchs des Monats Januar 2012 ausgezeichnet worden. Carolina Quesada hat mit Jury-Mitglied Karsten Binder gesprochen:
Tolles Wissenschaftsbuch für Kinder. Gibt’s ganz selten. Meistens sind die entweder überpädagogisiert, also übererklärend und dabei baby-einfach, oder das Gegenteil: Sehr old school, staub trocken, Richtung olles Schulbuch. Bei diesem Buch ist das nicht der Fall. Autor Oscar Brenifier und Illustrator Jacques Després haben ins Schwarze getroffen.
Es ist ein Philosophiebuch für Kinder. Der französische Sachbuchautor Oscar Brenifier hat es geschrieben, der Computerspielentwickler Jacques Després hat's illustriert. Und beiden gelingt es, ein Abenteuerbuch des Denkens hinzulegen. Es zieht einen förmlich hinein in die Welt der Philosophie. Schon nach wenigen Seiten kann man gar nicht anders als mit-denken, also philosophieren. Die beiden machen das unglaublich anschaulich, sie benutzen eine Art Trick der großen Philosophen, ein gut eingeübtes Denkmuster: Sie ordnen die Welt zu Gegensatzpaaren. Und diese Gegensatzpaare illustrieren und erklären sie dann. Also: "Ich" und das "Andere", "Vernunft" gegen "Leidenschaft", das "Sein" und "Schein".
Das spannende ist nun, wie sie das machen. Es wird immer eine Frage gestellt, dann erfolgt die Gegenüberstellung der Gegensätze und dann die Erklärung. Und das Ganze ist eingebettet in eine sehr witzige, spacige, abgefahrene Bilderwelt. Die Illustrationen entstanden am Computer. Illustrator Jacques Després hat sich kleine Bildschirmmännchen ausgedacht, die sich da durch die Welt der Philosophie turnen.
Ja. Ich habe ein schönes Beispiel, was die Qualität und auch den Witz des Buches gut erläutern kann. "Schein" und "Sein". Also: Was ist Schein und was ist Sein. Was ist echt und was tut nur so.
Illustrator Jacques Després
Dazu sehen wir im Buch zwei der Bildschirmmännchen vor jeweils einem Teller sitzen. Auf dem einen Teller liegt ein blauer Plastikfisch, auf dem anderen orange-braunes, smartphonegroßes Brikett. Was von beiden ist der Fisch, was tut nur so? Das witzige ist, dass jeder erstmal auf den Fisch guckt und denkt: Okay, klar, das ist der Fisch. Aber von wegen. Autor und Zeichner foppen uns. In Wirklichkeit ist dieses smartphonegroße Brikett der wirkliche Fisch, das ist nämlich ein Fischstäbchen, das andere ist nur ein doofer Plastikfisch. Jetzt denkts Du: Moment mal, wie geht das denn?!
Und dann beginnt das Buch zu wirken. Du fängst an, über Deine eigene Wahrnehmung nachzudenken. Auf der nächsten Seite geht's weiter. Da steht links nur die Frage: "Zeigt sich das Sein immer in der Erscheinung?" und rechts steht eines dieser Männchen als Superman verkleidet. Also: Wo ist da das Sein? Ist das Sein eher die superstarke Superman-Erscheinung, oder eher der zerbrechliche Clark Kent, den man hinter der Maske vermutet? Oder ist das Computermännchen vielleicht selber wieder nur Schein, wie der Plastikfisch auf der Seite zuvor. Unwillkürlich fängt man an, über das Sein nachzudenken. Also ein Philosophiebuch, das einen selbst philosophieren macht – klasse.
Autor Oscar Brenifier
Nein, überhaupt nicht. Es ist wirklich ein Abenteuerspielplatz des Denkens.
Oscar Brenifier ist ein erfahrener Sachbuchautor für Kinder. Er stellt die Fragen, die Kinder auch stellen. Sie werden ernst genommen, oder, wie es so schön heißt – "abgeholt". Und das Ganze wird unterstützt durch die fantastische Bilderwelt von Jacques Després, der das wirklich toll illustriert hat. Das Buch ist ernst ohne schwierig zu sein, es ist witzig ohne lächerlich zu werden. Ein toller Türöffner in die Welt der Philosophie.
Oscar Brenifier ist Doktor der Philosophie und veranstaltet in zahlreichen Ländern philosophische Seminare und Workshops für Erwachsene und Kinder. Er hat bereits einige philosophische Bücher für Erwachsene und Kinder veröffentlicht.
Übersetzer Norbert Bolz
Jacques Després orientierte sich nach einer Juwelierlehre um und wurde Künstler. Im Laufe der Jahre hat er in so unterschiedlichen Bereichen wie Computeranimation, Spielentwicklung und Bühnenbildgestaltung gearbeitet. "Was, wenn es nur so aussieht, als wäre ich da?" ist sein erstes Buch.
Norbert Bolz wurde in Philosophie promoviert und habilitiert. Er ist geschäftsführender Direktor des Instituts für Sprache und Kommunikation der TU Berlin und Autor zahlreicher Bücher.
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