Luchs 301
Der Titel "Annie" sagt noch nicht viel aus – wer ist Annie?
Annie ist ein Mädchen oder eine junge Frau. Sie wird beschrieben als nicht schön und nicht hässlich, sie hat rote Haare, eine große Nase und große Füße. Seit ihre Mutter gestorben ist, lebt sie ganz allein in einem kleinen Haus auf einem Hügel, und absolut niemand kommt vorbei, nur einmal im Jahr der Briefträger, der ihr einen Kalender verkaufen will. Annie ist sehr einsam, sie trauert, und sie hat keine Lust mehr, zu leben. Das Einzige, was sie noch interessiert, ist der See, der unten am Fuß des Hügels liegt. Und eines Nachts bindet sich Annie einen großen Stein an den Fuß und springt hinein.
Kitty Crowther "Annie", Carlsen Verlag, 48 Seiten, Euro 12,90
Aber das ist natürlich nicht die ganze Geschichte – natürlich nicht. Annie versinkt immer tiefer im Wasser, sie verliert das Bewusstsein – und plötzlich heben riesige Hände sie ganz ganz vorsichtig zurück an die Oberfläche. In dem See leben nämlich drei Riesen. Und die brauchen Annies Hilfe. Sie soll ihnen den Weg zum Meer zeigen. Das macht sie auch. Und damit nimmt das Buch eine Wendung, es wird heller, fröhlicher, die Farben ändern sich und Annie fängt wieder an zu lachen, sie findet sozusagen zurück ins Leben.
Grandios. Kitty Crowther gehört zu den aufregendsten Illustratoren im Moment und das beweist sie hier auch wieder. Sie kombiniert grüngraublaues Aquarell und schwarze Tuschelinien – und dadurch taucht man richtig tief ein in Annies Gefühlswelt. Kitty Crowther schafft es auf beiden Ebenen – Text und Bild – die Grenzen zwischen Traum und Realität verschwimmen zu lassen. Wasserpflanzen und leuchtend rote Korallen wachsen aus der Tapete und aus dem Boden vor Annies Haustür, Fische hängen zum Trocknen an einer Leine – alles wirkt so verwässert, als ob Annie tatsächlich am Grund eines Sees leben würde. Und dass ein Schatten auf dem Mädchen liegt, das zeigt Kitty Crowther ganz toll im ersten Bild: Da sitzt Annie in ihrem schwarzen Kleid am Fenster und schaut auf den See, und um sie herum ist die Tapete ganz verwaschen, die Muster verfließen und ihre feuerroten Haare wirken ganz grau. Atmosphärisch wirklich ganz toll umgesetzt. Ein depressives Mädchen, das Selbstmord begehen will – harter Tobak für ein Kinderbuch. Das ist es wirklich. Man muss sich da auch fragen:
Es ist ein Bilderbuch – und die Illustrationen wirken zum Teil schon sehr düster und bedrückend, wogegen zum Beispiel Annies Weg auf den Grund des Sees als schön dargestellt wird, alles ist bunt und hell da unten. Wir haben ja oft erstmal das Gefühl, Kinder beschützen zu müssen vor der Grausamkeit der Welt. Aber diese Grausamkeit existiert nun mal, und sie ist im Märchen eigentlich auch ganz gut aufgehoben. Wenn man an die klassischen Märchen denkt – Hänsel und Gretel, da werden zwei Kinder ganz allein im Wald ausgesetzt, damit man sich nicht mehr um sie kümmern muss. Nach Ansicht der Autorin, sollte man Kindern ruhig einiges zutrauen. Man sollte sie eben damit nur nicht alleine lassen. Annie ist ein Buch zum Vorlesen, zum gemeinsam Anschauen, und es wird vom Verlag auch schon ab 5 Jahren empfohlen.
Kitty Crowther wurde 1970 als Tochter einer Schwedin und eines Engländers geboren. Sie studierte an der Kunsthochschule Brüssel. Mit ihrem Mann und ihren zwei Söhnen lebt sie in Blanmont, Belgien.
2010 wurde sie mit dem Astrid-Lindgren-Preis ausgezeichnet. Crowther sei "die Meisterin der Linie, aber auch der Atmosphäre", begründete die Jury ihre Wahl. Der mit mehr als 500.000 Euro dotierte Preis gilt als weltweit wichtigste Auszeichnung für Kinderliteratur.
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