Luchs 303
"Orangentage" heißt das aktuelle Buch der tschechischen Autorin Iva Procházková, das in diesem Monat mit dem Luchs, dem Kinder- und Jugendbuchpreis von Radio Bremen und "Die Zeit" ausgezeichnet wird. Esther Willbrandt hat das Buch schon gelesen:
Es hat den "Luchs" verdient. Denn Iva Prochazka ist einfach großartig darin, über die Sorgen und Nöte von Jugendlichen zu schreiben, sie fängt dieses Erlebnis, erwachsen zu werden, richtig gut ein. Und dann verpackt sie das Ganze auch noch in eine spannende und auch sehr berührende Geschichte.
Die Geschichte handelt von Darek. Darek ist 13 und lebt mit seinem Vater und seiner leicht geistig behinderten Schwester Ema auf dem Land, in Tschechien, so richtig in der Pampa. Seine Mutter ist an Leukämie gestorben, und der Vater trinkt, seit er seinen Job in einer Fabrik verloren hat. Also muss sich Darek praktisch allein um Ema kümmern. Ema ist sein Ein und Alles, aber trotzdem ist das für ihn natürlich sehr belastend. Und dann verliebt er sich zum ersten Mal, in seine Freundin Hanka. Hanka ist klug und mutig und duftet wunderbar nach Orangen.
Die beiden werden ein Paar. Auch zuhause scheint sich von da an alles einzurenken, der Vater hört auf zu trinken, er hat eine Beschäftigung gefunden: Er päppelt kranke Pferde auf, um sie gesund weiterzuverkaufen. Aber dann, als man denkt, alles wird gut, entdeckt Darek, dass sein Vater ihn anlügt und hintergeht. Das Ganze trifft Darek so heftig, dass es ihn aus seiner Kindheit sozusagen herauskatapultiert.
Ich sage nur soviel: Es ist spannend und traurig und glaubwürdig erzählt. Aber das muss man wirklich dann lesen.
Auf zwei verschiedenen Ebenen: Einmal in der dritten Person, da wird Dareks Alltag beschrieben, sein ständiger Streit mit dem Klassenkameraden und Erzfeind Hugo, die Schule, das Jugendamt, das der Familie im Nacken sitzt, und so weiter. Und zwischendurch gibt es Kapitel in der ersten Person, in denen sich Darek an die Zeit vor Mutters Tod erinnert. Da wird nach und nach erklärt, warum Dareks Leben so ist, wie es ist. Zum Beispiel erfährt man, dass die Blutfehde mit Hugo einen sehr ernsten Hintergrund hat und nicht einfach aus jugendlichem Blödsinn entstanden ist.
Die Figuren in Orangentage sind sehr genau und richtig glaubhaft gezeichnet, jede einzelne steht ganz klar vor dem inneren Auge beim Lesen, mit ihren Stärken und ihren Macken. Und dann spielt auch noch die Liebe zur Natur eine wichtige Rolle.
Die Autorin sagt über sich, dass sie eine sehr glückliche Kindheit auf dem Land verbracht hat, bevor sie dann nach Prag gezogen ist.
Iva Procházková, geboren 1953 in Olmütz, konnte nach ihrem Abitur in Prag aus politischen Gründen kein Studium aufnehmen, ihr Vater war einer der intellektuellen Führer des "Prager Frühlings". 1975 begann sie ihre literarische Arbeit mit kurzen Geschichten, Theaterstücken – die nur außerhalb Prags aufgeführt werden konnten –, einem ersten Kinderbuch und Liedertexten.
Iva Procházková
1983 emigrierte die Familie nach Österreich, drei Jahre später folgte ein Umzug nach Konstanz. Dort arbeitete Iva Procházková mit dem Kinder- und Jugendtheater "Schlauer Kater" zusammen und es entstanden weitere Kinderbücher. Als nächste Station folgte Bremen und auch dort setzte sie ihre Arbeit mit Theatergruppen fort. Seit 1990 arbeitet Iva Procházková für das Tschechische Fernsehen.
Iva Procházková wurde 1989 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet und 1997 für die Hans-Christian-Andersen-Medaille nominiert. Für "Wir treffen uns, wenn alle weg sind" erhielt sie den Friedrich-Gerstäcker-Preis und den Evangelischen Buchpreis 2008. "Die Nackten" wurde 2009 gleich zweimal für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert (Kritiker- und Jugendjury). Seit 1995 lebt Iva Procházková wieder in Prag.
Iva Procházková: Orangentage, [3:20]
Hendrik Plaß im Gespräch mit Esther Willbrandt
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