Luchs des Jahres 2012
Jeden Monat vergibt Radio Bremen gemeinsam mit der Wochenzeitung Die Zeit den Luchs für besonders lesenswerte Kinder- und Jugendbücher. Einmal im Jahr kürt die Jury aus diesen Büchern den Jahresluchs. 2012 hat sich die Jury für den Roman "Orangentage" von der tschechischen Autorin Iva Procházková entschieden.
Esther Willbrandt hat Orangentage von Iva Procházková gelesen und erzählt, warum die Jury gerade diesen Roman zum Luchs des Jahres auserwählt hat:
Iva Prochazkova ist einfach richtig gut darin, die Realität, also in diesem Fall das Leben in der tschechischen Provinz, zu verbinden mit den Gefühlen und der Sichtweise eines Teenagers.
Sie macht das so überzeugend, man glaubt ihr jedes Wort und kann sich ganz hervorragend hineinversetzen in diesen Jungen, die Hauptfigur Darek, der in einem Dorf aufwächst, wo es keine Arbeit mehr gibt, wo viel Alkohol im Spiel ist und wo es für Kinder wie ihn kaum eine Zukunftsperspektive gibt. Und dieser Junge verliebt sich zum ersten Mal, und diese ganz zarten Momente, in denen er seiner Freundin Hanka näher kommt – das ist ganz große Erzählkunst. Und das hat auch die Luchs-Jury überzeugt.
In diesem Roman stecken viele Themen: Der Hintergrund ist, dass es seit dem Ende des Sozialismus auf dem Land kaum noch Arbeit gibt. Und damit gehen sämtliche soziale Strukturen im Dorf den Bach runter. Dareks Vater ist arbeitslos, er trinkt, und deshalb muss sich Darek praktisch allein um seine Schwester kümmern, die Lernschwierigkeiten hat. Seine Mutter ist vor einem Jahr an Leukämie gestorben. Die Schwester wiederum wird im Dorf natürlich gehänselt und Darek muss sie beschützen. Dazu kommt dann noch die Liebesgeschichte mit Hanka. Und keinen Augenblick hat man beim Lesen das Gefühl, dass das alles zu viel ist, dass die Autorin da zu viel reinpackt in ihre Geschichte.
Gibt es ein Happy End?
Das ist auch noch so was Besonderes an diesem Buch. Es sieht alles nach Happy End aus: Darek ist glücklich mit Hanka, sein Vater findet Arbeit – aber dann passiert etwas, was für Darek ganz schrecklich ist. Er findet heraus, dass der Vater ihm etwas verheimlicht, er hintergeht ihn – und da bricht für Darek die Welt zusammen. Und mit einem Schlag wird er erwachsen. Es ist also schon ein bisschen traurig, aber auch sehr spannend. Sonst wäre es auch nicht so glaubwürdig, wenn am Ende plötzlich alles rosarot und wunderbar wäre. Das ist im wahren Leben ja auch nicht immer so.
Luchs des Jahres 2012: Orangentage, [2:23]
Massimo Maio im Gespräch mit Esther Willbrandt
Iva Procházková
Iva Procházková, geboren 1953 in Olmütz, konnte nach ihrem Abitur in Prag aus politischen Gründen kein Studium aufnehmen, ihr Vater war einer der intellektuellen Führer des "Prager Frühlings". 1975 begann sie ihre literarische Arbeit mit kurzen Geschichten, Theaterstücken – die nur außerhalb Prags aufgeführt werden konnten –, einem ersten Kinderbuch und Liedertexten.
1983 emigrierte die Familie nach Österreich, drei Jahre später folgte ein Umzug nach Konstanz. Dort arbeitete Iva Procházková mit dem Kinder- und Jugendtheater "Schlauer Kater" zusammen und es entstanden weitere Kinderbücher. Als nächste Station folgte Bremen und auch dort setzte sie ihre Arbeit mit Theatergruppen fort. Seit 1990 arbeitet Iva Procházková für das Tschechische Fernsehen.
Iva Procházková wurde 1989 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet und 1997 für die Hans-Christian-Andersen-Medaille nominiert. Für "Wir treffen uns, wenn alle weg sind" erhielt sie den Friedrich-Gerstäcker-Preis und den Evangelischen Buchpreis 2008. "Die Nackten" wurde 2009 gleich zweimal für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert: von der Kritiker- und der Jugendjury. Seit 1995 lebt Iva Procházková wieder in Prag.
Der Sonderpreis "Luchs des Jahres" ist mit 8.000 Euro dotiert. Die öffentliche Verleihung an Iva Procházková wird erstmalig im Rahmen der Leipziger Buchmesse stattfinden und zwar im nächsten Jahr am Freitag, 15. März 2013, um 17 Uhr im Kinder- und Jugendbuchforum in der Halle 2.
Pressemitteilung zum Jahresluchs 2012
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