Luchs 316
Der monatliche Kinder- und Jugendbuchpreis Luchs von Radio Bremen und Die Zeit geht im Mai 2013 an das Jugendbuch "Wunder" von Raquel J. Palacio. In dem Debütroman der amerikanischen Autorin geht es um einen zehnjährigen Jungen, der mit einem entstellten Gesicht zur Welt kam und sich nun im Leben behaupten muss.
Esther Willbrandt hat den Roman gelesen:
Also für mich ist das Buch selbst schon ein Wunder: Es ist ein Debütroman, und der ist gleich so fantastisch geworden, dass ich den am liebsten allen Leuten in die Hand drücken würde und sagen würde: Hier! Lies das!
Hanser Verlag, 16,90 Euro
Aber natürlich geht es auch inhaltlich um ein Wunder – oder eigentlich um mehrere. Im Zentrum steht der zehnjährige Auggie, und mit dem hat es das Universum leider gar nicht gut gemeint. Der ist nämlich mit einem ganz entstellten Gesicht zur Welt gekommen. Auggie selbst sagt: Ich werde mich nicht beschreiben – was immer Ihr Euch vorstellt – es ist schlimmer. Aber so nach und nach erfährt man beim Lesen dann doch ein paar Einzelheiten. Er ist zum Beispiel ohne Unterkiefer auf die Welt gekommen, ihm wurde dann ein Stück Hüftknochen eingesetzt, so dass er wenigstens einigermaßen essen kann. Ohren hat er fast gar nicht, und seine Augen sind Schlitze auf der Höhe, wo eigentlich seine Wangenknochen sein sollten… Man kann sich vorstellen, wie die Leute auf ihn reagieren. Und jetzt soll er zum ersten Mal auf eine richtige Schule gehen. Er hat natürlich fürchterliche Angst davor.
Und am Anfang hat er es richtig, richtig schwer. Die Kinder ekeln sich vor ihm, sie wollen nicht neben ihm sitzen oder auch nur einen Stift von ihm leihen. Aber, und das ist das eigentliche Wunder: Er lässt sich einfach nicht unterkriegen. Er findet seinen Platz an dieser Schule, und er findet tolle Freunde, die zu ihm halten. Und das ist so wunderbar geschrieben, ich hab echt gelacht und geheult.
Und es steckt noch viel mehr in dem Buch. Wir erfahren nicht nur Auggies Lebensgeschichte: Er wäre nach der Geburt fast gestorben, er hat mit seinen 10 Jahren schon 27 Operationen hinter sich. Das Buch ist aus verschiedenen Perspektiven geschrieben, und man erfährt, was das alles auch für seine Freunde und seine Familie bedeutet. Seine Schwester sagt es so: Auggie ist die Sonne, und wir alle sind Planeten, die um ihn kreisen. Für sie ist es besonders schwer: Sie will nicht immer nur als das Mädchen mit dem Zombiebruder gesehen werden – und gleichzeitig fühlt sie sich total mies, weil sie Auggie lieb hat und sich nicht für ihn schämen will. Das alles ist mit ganz viel Wärme und Humor geschrieben, es ist lebensnah, die Dialoge sind toll.
In den USA hat dieses Buch einen richtigen Hype ausgelöst. Dabei ist die Autorin von Haus aus Illustratorin, aber sie hat mal vor einer Eisdiele ein kleines Mädchen gesehen, das so aussah wie Auggie. Und ihre Söhne haben irgendwas Blödes gesagt, und sie ist dann ganz schnell mit ihnen weggegangen – und im Nachhinein hat sie sich gefragt: Wie muss das für das Mädchen gewesen sein – und warum ist man selbst in so einer Situation so hilflos? Das war für Raquel J. Palacio der Anstoß, dieses Buch zu schreiben.
Raquel J. Palacio lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen in New York. Zwanzig Jahre lang gestaltete sie als Art Director die Cover für die Bücher anderer Leute und wartete auf den richtigen Moment, ihr eigenes Buch zu schreiben. Dann traf sie eines Tages vor einem Eisladen ein ganz besonderes Kind, und der Moment war gekommen. Wunder ist ihr erster Roman.
André Mumot
André Mumot ist promovierter Kulturwissenschaftler, arbeitet journalistisch und übersetzt seit 2006 Belletristik, Sach- und Jugendbücher aus dem Englischen. Heute lebt er in Berlin.
Das Audio:
Luchs 316: Wunder, [3:55]
Massimo Maio im Gespräch mit Esther Willbrandt
Weitere Informationen:
Luchs-Kinderbuchempfehlungen bei "Die Zeit"
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