Porträt
Alfred Andersch 1956
Die Einübung in die Demokratie erlernte Andersch in den Reeducation-Programmen amerikanischer Gefangenenlager, in denen auch sein beachtliches literarisches Talent erstmals zur Geltung kam. Er wurde Mitarbeiter der Gefangenen-Zeitschrift "Der Ruf", in der er erste Proben seiner erzählerischen Begabung lieferte. Ein Schriftsteller-Debut, das ihm bei seiner Rückkehr nach München die Tore für eine publizistische Karriere öffnete. Zunächst als Mitarbeiter der "Neuen Zeitung" unter Hans Habe und Erich Kästner, ab 1946 als Redakteur der Neuauflage des "Ruf", den er gemeinsam mit Hans-Werner Richter herausgab.
Ausdrücklich wandte sich das Blatt an die "junge Generation", bei der es auf Anhieb ein enormes Echo auslöste. Im Zeitalter des beginnenden Kalten Krieges erwiesen sich aber die ehrgeizigen Ambitionen und weitreichenden Zukunftsperspektiven der Herausgeber freilich bald als pure Illusionen. Als der "Ruf" auf kritische Distanz zur amerikanischen Besatzungsmacht ging, mussten Alfred Andersch und seine Mitstreiter im April 1947 die Redaktion verlassen.
Auf das Ende der ambitioniertesten Zeitschrift im Nachkriegs-Deutschland reagierte Hans-Werner Richter mit der Gründung der "Gruppe 47", die zur einflussreichsten Schriftstellervereinigung nach 1945 avancieren sollte. Alfred Andersch entdeckte freilich in jener Zeit noch ein anderes Medium für seine publizistischen Neigungen: den Rundfunk.
Dort schuf er als Redakteur von 1948 bis 1958 bei Radio Frankfurt (später Hessischer Rundfunk), dem Nordwestdeutschen Rundfunk in Hamburg und beim Süddeutschen Rundfunk in Stuttgart ein neuartiges ‚Kulturradio' von höchstem Niveau, in dem die literarische Moderne des In- und Auslandes in nie gekannter Intensität zu Wort kam: von Jean-Paul Sartre bis Samuel Beckett, von Theodor W. Adorno bis Hans Werner Henze, von Ingeborg Bachmann bis Arno Schmidt. Als Leiter des legendären Stuttgarter "Radio-Essays" (1955-1958) rückte Alfred Andersch rückte in den Rang des Literaturförderers großen Stils, der illustre Mitarbeiter wie Hans Magnus Enzensberger, Martin Walser und Helmut Heißenbüttel um sich scharte und zugleich die bedeutendste literarische Zeitschrift nach 1945 redigierte: "Texte und Zeichen".
Bereits im Jahr 1950 hatte sich Alfred Andersch verheiratet mit der Malerin Gisela Groneuer. Aus der Ehe gingen drei gemeinsame Kinder hervor: Martin, Michael und Annette.
Im Rückblick nach mehr als fünf Jahrzehnt urteilt Hans Magnus Enzensberger über die gemeinsame Arbeit mit Alfred Andersch: "Mir hat das aber auch Eindruck gemacht, dass da immer noch ein anderer Gedanke war hinter dem Gedanken. Also, ich verdanke ihm, muss ich jetzt auch mal sagen, ich verdanke ihm ungeheuer viel. Denn er war in einer Hinsicht auch enorm kollegial, weil jeder, der da kam, jeder Autor, der da kam – wichtig oder nicht wichtig – wurde von Andersch gefragt: Ja, wie kommen Sie über die Runden, wie sieht es da bei Ihnen aus, ihre Arbeitsbedingungen und so … Das wurde abgeklärt und manchmal gab es einen Tipp: Warum machen Sie nicht das und das? Dass man die ökonomischen Bedingungen unter denen jemand arbeitet, dass man die zur Kenntnis nimmt, und nicht nur über Theorien redet. Das fand ich sehr gut. Das war von Anfang an seine Haltung. Und da habe ich auch großen Nutzen von gehabt."
Autor eines neuen Stils
Als Autor eines neuen Stils präsentierte sich Andersch 1952 mit seinem ersten Buch: dem autobiografischen Bericht "Die Kirschen der Freiheit" – einer nüchtern-selbstkritischen Retrospektive seines Lebens bis zur Desertion aus Hitlers Wehrmacht im Jahr 1944 – die zum großen existentiellen ‚Augenblick' seiner Vita wurde. Der bedeutungsvolle Augenblick der Grenzüberschreitung wurde gewissermaßen zum ostinaten Thema seines erzählerischen Werks. "Sansibar oder der letzte Grund" von 1957 diskutiert das Motiv der Flucht aus Nazi-Deutschland. Der Roman "Die Rote" aus dem Jahr 1960 behandelt den Ausbruch einer jungen Frau aus dem Wohlstandmilieu. Der 1967 erschienene Roman "Efraim" beschäftigt sich in eindringlicher Weise mit dem deutsch-jüdischen Verhältnis. Das Spätwerk "Winterspelt" (1974) erzählt die fiktive Geschichte einer friedlichen Kapitulation mitten im Zweiten Weltkrieg. Epische Momentaufnahmen von Umbruch-Situationen deutscher Geschichte, die sich zu einem kritischen Zeit-Panorama addieren: von der Zeit des Nationalsozialismus bis zur Ära der Adenauer-Restauration und ihrer Folgen.
Alfred Andersch verstand sich zeitlebens als Aufklärer und unorthodoxer Linker, der den Mächtigen und Ideologen jeglicher Provenienz zutiefst misstraute. Bei aller öffentlichen Wirksamkeit blieb er ein Einzelgänger, der die wechselnden Kapriolen des Zeitgeists souverän ignorierte. Und sein ideales Domizil fand er zuletzt nicht in einer europäischen Metropole, sondern im provinziellen Berzona in der Schweiz, wo er am 21. Februar 1980 starb. Hans-Magnus Enzensberger rühmte an seinem Werk, es sei von "einer Utopie bewegt, die der Resignation begegnet ist, ohne ihr je anheim zu fallen". Und für Andersch selbst blieb, bei allen Zweifeln an der Wirksamkeit von Literatur, das Prinzip von der "Ästhetik als Widerstand" die vornehmste Aufgabe des Autors. Gar nichts hielt er hingegen von den regelmäßig wiederkehrenden Unkenrufen vom Tod der Literatur und dem Ende des Romans. Darauf hatte er stets nur eine Antwort parat: "Erzählen ist ja immer Erzählen von Menschen. Und mir sind Leute verdächtig, die sich keine Erzählungen von Menschen mehr anhören wollen. Es existiert heute eine Weltliteratur des Romans, die an Intensität gegenüber früheren Epochen nichts verloren hat. Des Romans, der nur in unserer Zeit geschrieben werden konnte und der also offensichtlich nicht umzubringen ist." (Radio-Gespräch mit Ekkehart Rudolph, SWR 1972)
Alfred und Gisela Andersch in Berzona 1962
Marcel Korolnik, Annette Korolnik-Andersch (Hrsg.): Sansibar ist überall. Alfred Andersch - Seine Welt in Texten, Bildern, Dokumenten; edition text+kritik 2008; 256 Seiten; 36,00 €
Stephan Reinhardt: Alfred Andersch. Eine Biographie; Diogenes Verlag 1990; 832 Seiten; 34,90; Taschenbuchausgabe: 17,90
Alfred Andersch: Gesammelte Werke in 10 Bänden; Diogenes Verlag; 5952 Seiten; 480,00 €
Der Nachlass von Alfred Andersch wird im Deutschen Literaturarchiv Marbach verwahrt.
Deutsches Literaturarchiv Marbach
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