Porträt
Die literarische Avantgarde der Sechziger- und Siebzigerjahre des 20. Jahrhunderts fühlte sich der Popkultur ausgesprochen nah und verbunden. Das lag nicht nur daran, dass die Rockmusik von Gruppen wie den Stones, Doors, Velvet Underground oder Soft Machine jede Menge Rebellisches in sich trug. Sondern auch daran, dass Pop als Sound jener Jahre selbst Avantgarde war. Lange bevor das Feuilleton mit Autoren und Musikern wie Stuckrad-Barre und Sven Regener die sogenannte Pop-Literatur erfand, provozierte ein junger Dichter aus Vechta mit experimenteller Lyrik, Romanen, Erzählungen und schrägen Hörspielprojekten: Rolf Dieter Brinkmann.
Rolf-Dieter Brinkmann wurde am 16. April 1940 in Vechta geboren. Als Erwachsener entfloh er der Kleinstadt und ging nach Köln. Brinkmann gehörte zu den literarischen Rebellen Deutschlands und begeisterte sich für US-amerikanische Popkultur. Er schwärmte für Andy Warhols Kunst, Robert Crumbs Comics und Dichter aus dem literarisch-experimentierenden Underground wie Allan Ginsberg und Frank O'Hara. Legendär wurden Brinkmanns letzten Lesungen beim Poetry-Festival in London 1975 und sein 1979 posthum erschienenes Arbeitsjournal "Rom, Blicke". Sie dokumentieren den Wahrnehmungs- und Schreibprozess eines kreativen Denkers und Realitätsfanatikers.
Popliteratur
Das Spektrum der Popliteratur ist breit gefächert. Gemeinsam ist allen die Beschreibung des Alltäglichen und die Auseinandersetzung mit der Popmusik.
Obwohl sich Brinkmann meist als wütender Snob aufführte und ein Schriftsteller im Sinne der Bohème war, nutzte er die Popkultur als Mittel der Provokation gegen deutsche Enge und literarisches Spießertum. Brinkmann regte das auf, und mit diebischer Freude strickte er Popelemente aus amerikanischen Comics in seine ersten Gedichtbände "Godzilla" und "Die Piloten" ein. Zudem veröffentlichte er 1969 zwei Anthologien unter den amerikanischen Titeln "Acid" und "Silverscreen". In Gedichten und Notizen beschäftigte sich Brinkmann ständig mit Popkultur, mit Kino und Mythen des Alltags, schrieb über Lana Turner und Sharon Tate, über Godzilla, Roy Black und Graham Boney.
Auch das Radio wurde für Brinkmann neben Schreiben, Übersetzen und Collagieren zum künstlerischen Ausdrucksmittel. So schrieb er für den Westdeutschen Rundfunk (WDR) Hörspiele wie "Besuch in einer sterbenden Stadt" und bekam den Auftrag für eine Sendung namens "Autorenalltag". Dafür machte Brinkmann spontane Aufnahmen, zuhause in der Küche oder im Studio, sogenannte Ready-Tapes. Sie wurden 1975 nicht mehr nachbearbeitet und sendefertig gemacht. 2005 sind diese Rohfassungen auf fünf CDs unter dem Titel "Wörter, Sex, Schnitt" "erschienen und zeugen von Brinkmanns Rundfunk-Experimentierfreude.
Ausstellung: "Wörter Sex Schnitt", [3:35]
buten un binnen vom 16. Dezember 2005 anlässlich einer Brinkmann-Ausstellung in der Bremer Weserburg.
Viele Texte Brinkmanns kreisen um Sex und Erotik. Alltagsszenen beschrieb er gerne aus erotischem Blickwinkel, wie beispielsweise das Gedicht "Wechselt die Jahreszeit" zeigt: "Die straffen Brüste siebzehnjähriger pullovertragender Mädchen sind schöner im Regen, wie sie versteckt unter den leichten Nylonmänteln hüpfen beim Überspringen von Pfützen auf dem Bürgersteig." Brinkmann schnitt auch gerne Fotos leicht bekleideter oder nackter Frauen aus Zeitschriften aus und bastelte daraus Bild-Textcollagen. Harsche Kritik übte er hingegen an den Medien. Brinkmann starb im April 1975 in London auf tragische Weise: Beim Überqueren der Straße schaute er in die falsche Richtung und wurde überfahren.
Rolf Dieter Brinkmann zum 70. Geburtstag, [3:13]
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