Porträt
Sein Beruf war in erster Linie "Vorleser" sagte er selbst, und als den großen Vorleser kennen ihn Radio-Hörer und Liebhaber von Hörbüchern. Ob Thomas Mann, Theodor Fontane oder Johann Wolfgang von Goethe, mit seiner unverwechselbaren Stimme und seiner außerordentlichen Interpretationsfähigkeit, verlieh Gert Westphal der Literatur einen zusätzlichen Reiz, bereicherte er den geschriebenen Text um das hörbare Bild. Seine Karriere begann der spätere "Vorleser der Nation" nach dem Zweiten Weltkrieg als Leiter der Hörspielabteilung von Radio Bremen. Zahlreichen Autoren hat er den Weg zum Rundfunk geebnet und viele bedeutende Schauspieler-Kollegen für das Medium gewonnen. Seine Hörspiel-Inzenierungen sind Bestandtteil des Repertoires bis heute. Sein Name steht für die Qualität des Kulturradios in Deutschland. Am 5. Oktober 2010 wäre Gert Westphal 90 Jahre alt geworden.
Die Leidenschaft des lauten Lesens, [57:43]
Gespräch mit Gert Westphal 1999
Gert Westphal wurde am 5. Oktober 1920 in Dresden als Sohn eines Fabrikanten geboren. 1939 begann er ein Schauspielstudium am Dresdner Konservatorium, das aber bereits 1940 wieder endete, als er zum Kriegsdienst eingezogen wurde. Bei Kriegsende gab der 25jährige noch in Uniform einen Rezitationsabend und offenbarte ein Talent, das ihn später berühmt machen sollte.
Radio-Bremen-Funktheater in den Nachkriegsjahren
Nach dem Krieg verschug es Gert Westphal nach Bremen. Er erhielt ein Engagement an den Kammerspielen und macht ab 1946 gleich noch eine Karriere am neu gegründeten Sender Radio Bremen: zunächst als Hörspiel-Sprecher, ab 1948 als Oberspielleiter und Chef der Hörspielabteilung. Seine erste Hörspielrolle hatte er 1946 in einem Stück, das kurz zuvor in Zürich uraufgeführt worden war: "Nun singen sie wieder" des damals noch unbekannten Autors Max Frisch. Dabei dürfte es sich um die älteste erhaltene Aufnahme mit Gert Westphal handeln. Die erste eigene Regie übernahm er ebenfalls 1946 für das Hörspiel "Der Kreidekreis" von Klabund. Es folgten ungezählte Aufnahmen, die er für ein anspruchsvolles Hörspiel- und Literaturprogramm als Schauspieler, Regisseur, Bearbeiter und Dramaturg produzierte.
Phantasien im Bremer Ratskeller - Ein Hörbild nach Wilhelm Hauff, [43:43]
Hörbild nach Wilhelm Hauff 1948
1953 wechselte Gert Westphal zum Südwestfunk in Baden-Baden, wo er bis 1959 die Hörspielabteilung leitete und zeitweilig auch Chefregisseur der Fernsehspielabteilung war. Eine seiner ersten Produktionen war 1953 die legendäre Hörspielfassung von Goethes "Novelle" in der Regie von Max Ophüls mit Willy Birgel, Käthe Gold und Oskar Werner in den Hauptrollen. In Arthur Schnitzlers "Berta Garlan", einer weiteren großen Hörspiel-Produktion von Ophüls, übernahm Gert Westphal 1956 den Erzählerpart. Bis heute unvergessen ist auch seine Zusammenarbeit mit Joachim Ernst Berendt in der berühmten Reihe "Jazz und Lyrik", in der er seine Stimme als Instrument einer einzigartigen Literaturinterpretation einsetzte.
1957 heiratete Gert Westphal die Schauspielerin Gisela Zoch. Eine Ehe, aus der zwei Töchter hervorgingen. Zum Theater kehrte er 1959 zurück als Ensemble-Mitglied des Züricher Schauspielhauses, dem er bis 1980 angehörte. Seitdem war er freiberuflich als Schauspieler und Regisseur tätig gewesen, vor allem aber als Rezitator auf der Bühne und im Rundfunk, auf Schallplatte und CD.
Im Jahr 1984 bezeichnete ihn die ZEIT als "König der Vorleser" und qualifizierte seine Vortragskunst als virtuose Inszenierung eines "akustischen Ein-Mann-Theaters". Tatsächlich hatte sich Gert Westphal in vier Jahrzehnten ein Vorlese-Repertoire geschaffen, das seinesgleichen sucht, reichte es doch von Vergils "Georgica" bis zu Karl Mays "Schatz im Silbersee".
Und immer wieder erwies er seinen drei Lieblingsautoren die Reverenz: Johann Wolfgang von Goethe, Theodor Fontane und Thomas Mann. Über viele Jahre hinweg hatte er die Romane von Thomas Mann mit einer Ausnahme für den Rundfunk gelesen. Kurz vor seinem Tod vervollständigte er diesen Zyklus im Januar 2001 bei Radio Bremen mit der Aufnahme der "Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull". Sein letzter großer Auftritt in einem Rundfunkstudio. Am 10. November 2002 starb Gert Westphal im Alter von 82 Jahren in Zürich.
Das Nordwestradio feiert im Oktober 2010 seinen ehemaligen Mitarbeiter Gert Westphal in Gestalt eines Features von Katrin Krämer mit zahlreichen Originaltönen aus dem bewegten Rezitatorenleben des Vorlesers der Nation.
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