Porträt: Günter Grass
Das Brandenburger Tor in Berlin
Doch genau dieses traditionale Wächteramt des Schriftstellers war es, dem in der Bundesrepublik der achtziger Jahre kaum noch jemand ein Ohr leihen wollte. Man demonstrierte öffentlichen Überdruss am omnipräsenten Bekennertum und medial gestützten Moralisten Grass, dessen Autorität längst im kompetenten Kassandrismus der Medien aufgegangen sei. Und noch kurz bevor sich die Deutschen 1990 an ihr epochales Einigungswerk machten, ließ Hans Magnus Enzensberger die Beziehung der Intellektuellen zum Staat als albernes "Indianerspiel" erscheinen, und erklärte abermals und insbesondere seinen Kollegen Grass zu einem auf traurige Weise Gescheiterten. Dass dieser deutsche Dichter und Intellektuelle einen lebenden Anachronismus darstelle, wurde damals zu einem variantenreich vorgetragenen Gemeinplatz.
Günter Grass über die deutsche Einheit und die Folgen, [36:45]
Der Traum von der Konföderation
Günter Grass hatte seit 1989 landauf landab gegen die übereilte, vom Westen wie ein Kolonialfeldzug vollzogene "hässliche" Einheit der Deutschen gewettert und sich bald zum "vaterlandslosen Gesellen" stempeln lassen müssen. Wieder wurde ihm das Außenseitertum zum Pflichtfach. Vor allem ein Gedanke war es, der seine Zeitgenossen am meisten in Zorn und Irritation versetzte – der Gedanke an Auschwitz. Dass die Einheitsstaatlichkeit der Deutschen verderblich für sie selbst und für die Welt sein könne, wollte sich diese Bürgergesellschaft im Jahre 1990 nicht mehr sagen lassen. Das Gründungstheorem der jungen Bundesrepublik von einst, für Grass immer noch der empfindlichste Nerv seiner Selbst- und Epochenwahrnehmung, hatte sich in seiner geschichtspolitischen Semantik stärker verändert als ihr erstrangiger Interpret es ahnen konnte. Bei allen wirtschaftlichen und politischen Problemen, bei allen Verlogenheiten, Enttäuschungen und Entfremdungen – die einheitsbeladenen Deutschen wollten nach fünfzig Jahren Demokratiegeschichte weder vor sich selber noch vor der Welt als historisches Schreckbild dastehen. Grass' Warnung vor einem Abdriften seiner Landsleute in den großmachttrunkenen Einheitswahn, dem er seine alte Idee einer Ost-West-Konföderation entgegenhielt, war als patriotisches Gesprächsangebot gemeint, doch sie führte unweigerlich zum Diskurszusammenbruch. Im medialen Unisono erklärte man eine solche Haltung zur "Totalopposition", zum "alten Linkskonservatismus" oder zum verstiegenen Nationalbewusstsein, der Querulant Grass habe jeden Realitätsbezug verloren.
Die Kritikerschlacht um den Roman "Ein weites Feld" (1995), des Autors siebzigster Geburtstag und die asylpolitischen Auseinandersetzungen um seine Laudatio auf den türkischen Schriftsteller Yasar Kemal (1997) dokumentierten noch einmal die in der Intellektuellendebatte eingetretene Struktur- und Stimmungsverschiebung. Die "Souveränität demokratischer Vernunft", die man dem siebzigjährigen Jubilar noch einmal zusprach, schien nurmehr nostalgischer Natur zu sein, sie entsprang einer Feiertagsrhetorik, die etwas längst Infragestehendes festhalten wollte. Das zentrale Stichwort hieß jetzt Abdankung des "Gesamtintellektuellen", eine fundamentale Entlegitimationsdebatte entspann sich gegenüber dem "vorrationalen Überzeugungskern der westdeutschen Linken."
Günter Grass über "Ein weites Feld", [5:16]
In einem fremd gewordenen Vaterland, das ihn offenbar in die Enge treiben wolle, sei Kritik immer noch sein originäres "Zeichen von Liebe", konnte Günter Grass eben noch bezeugen, da schien sich ein altes Syndrom, der "Hass auf Grass" (F.J. Raddatz), den "letzten Bundesrepublikaner", ein weiteres Mal Bahn zu brechen. Dieses "imperative Ich", mit seinen repräsentativen Größenphantasien und Omnipotenzansprüchen aus altlinken Zeiten, dieser übriggebliebene Patriarch sollte jetzt nur noch als eine Legende, als Karikatur seiner selbst gelten, ja als ein Theatraliker des Medienbetriebs, der samt seiner Generation endlich in Rente gehen möge. Historisch erschöpft sei der Ursprungsmythos namens Auschwitz, hieß es nun, ein "anderes Deutschland" habe ihn unwiderruflich abgelöst. Ganz so wie den traditionellen Intellektuellen- und Schriftstellertypus, der mit dem "Ende der Gegenwartsliteratur" zu einer bloßen Massenerscheinung im alternativen Milieu mutiert sei.
Der innere Widerspruch dieser publizistischen Großdebatte lag damals offen zutage. Es wurde die Obsoletheit und Wirkungslosigkeit eines Intellektuellen beschworen, der gerade eben erst diese unmäßige mediale Abwehrschlacht ausgelöst, bzw. ermöglicht hatte. Die Tatsache, dass ein einzelner Schriftsteller nahezu die gesamte Kulturpublizistik seines Landes dazu bringen konnte, geharnischt wider ihn Stellung zu beziehen, durfte man kaum mit Grass’ Bedeutungslosigkeit in Zusammenhang bringen wollen. In Wahrheit versuchten diese Abwehrreaktionen "Berührungstabus" gegenüber einem Autor zu etablieren, der es gewagt hatte, den kollektiven Narzissmus der einheitsfrustrierten Deutschen zu irritieren. Realiter war der Intellektuelle als Provokateur sehr wohl präsent, nur in der Selbst- und Betriebswahrnehmung etlicher Medienakteure hatte er sich unwiederbringlich verabschiedet. Bis in die wissenschaftliche Publizistik hinein wollte man den Intellektuellen damals auf die Schwundform eines "hofierten Störenfrieds" reduziert sehen, der seine Nische in den Medien als "Stichwortgeber, Moderator, Provozierer und Clown vom Dienst" zu verteidigen gedachte. Das war gewiss auch ein Generationsprotest gegen die Überlebenskraft der alten Kämpen, die immer noch den public spirit der Republik dominierten.
Günter Grass: Chronik [PDF, 32 Kb]
Weiterlesen:
Literaturnobelpreis
Der Dichter und die Öffentlichkeit
Günter Grass
Seit dem Welterfolg der " Blechtrommel" ist Günter Grass zum berühmtesten deutschen Schriftsteller avanciert. Nach 1945 hat kein deutscher Autor derart von sich reden gemacht wie er. Keiner hat sich so unüberhörbar in öffentliche Debatten eingemischt und heftige Kontroversen ausgelöst wie der Literaturnobelpreis-Träger des Jahres 1999. Mehr...
Weitere Kapitel zu Grass
Jetzt läuft
Der kreuzfidele Pessimystiker
Ein Porträt des Schriftstellers Günter Kunert, der mit virtuosem Eigensinn in der Kulturszene beider deutscher Staaten für Furore gesorgt hat. Michael Augustin und Walter Weberzeichnen seine Lebensstationen als Grenzgänger zwischen Ost und West nach. Mehr...
2. Juni, 9:05 Uhr | Nordwestradio
Musikladen
Radio Bremen bringt den Musikladen zum 40. Jubiläum der Sendung in diesem Jahr wieder auf den Schirm. Seit September 2012, wiederholt Radio Bremen TV wöchentlich die Folgen der legendären Sendung mit den Moderatoren Uschi Nerke und Manfred Sexauer. Mehr...
2. Juni, 18:45 Uhr | RB TV
radiobremen.de nun auch mobil
Seit dem 25. Februar 2013 ist der Radio-Bremen-Web-Auftritt unter der Adresse "m.radiobremen.de" auch mobil abrufbar. Mehr...
Der neue Rundfunkbeitrag
Der neue Rundfunkbeitrag löst die Rundfunkgebühr ab. Informationen zum Start 2013 hier. Mehr...
Kultur-Sendungen heute:
22:05 Uhr, Nordwestradio:
Globale Dorfmusik live
23:05 Uhr, Nordwestradio:
Nordwestradio Lounge
Kultur-Podcasts
Kultur-Beiträge hören – wann und wo Sie wollen: Hier werden Ihnen jeweils die neuesten Podcast-Dateien zum direkten Download angeboten. Mehr...
Jetzt auf radiobremen.de
Krise der Gesundheit Nord: SPD fordert Finanzkonzept für städtische Kliniken
Werder Bremen: Sportdirektor plant mit Arnautovic und Elia
Tote Frau im Pflegeheim: Sozialsenatorin fordert mehr Aufmerksamkeit
Neuer Trainer vorgestellt: Robin Dutt: "Werder ist Euphorie pur!"