Porträt: Günter Grass
Günter Grass: Grimms Wörter. Eine Liebeserklärung; 368 Seiten; Steidl 2010; 29, 80 €
Wenn Günter Grass das Leben der Brüder Grimm erzählt, dürfen wir Hintersinn vermuten und nicht nur Geschichten über die Lebensstationen zweier Besessener, die dem Volk aufs Maul schauten und dessen Mythen wie Märchen zusammentrugen. Er begleitet die Archivare der deutschen Sprache auf ihrer endlosen und zwangsläufig unabgeschlossen bleibenden Suche und zeigt sie im Kreise ihrer Verehrer und Verächter ebenso wie im Privaten und legt uns vor allem eines zu Füßen: eine Liebeserklärung an die deutsche Sprache.
"Von A wie Anfang bis Z wie Zettelkram …" Konnte dieses Buch des Schriftstellers und Wortsetzers Günter Grass anders beginnen als so? Er musste Anlauf nehmen mit dem A, dem Grimmschen Wörterbuch nach der 'edelste, ursprünglichste aller Laute, aus Brust und Kehle voll erschallend, den das Kind zuerst und am leichtesten hervorbringen lernt, den mit recht die Alphabete der meisten Sprachen an die Spitze stellen'. Denn dies ist das Lebenselement des Sprachwerkers Grass, der schon im "Butt" und auch sonst immer wieder den Märchen und Mythen dichtend nachgestiegen ist, der es seit jeher liebt, den eigenen Erzählatem aufzufrischen in den Wortbrunnen und Quellgründen der deutschen Sprache. Nun hat er sich mit der famosen Grundidee seines neuen Werkes - einer Biographie der Grimms und einer Art Handwerks-Geschichte ihres Wörterbuches - den wunderbarsten Auslauf verschafft für seine unbändige Erzählphantasie. Das macht unter den zeitgenössischen Schriftstellern dem nahezu Dreiundachtzigjährigen so schnell keiner nach.
Es ist ein Lesevergnügen, diesem Autor in die Wunderkammern und Bergwerke der Wörter und ihrer Bedeutungen, in ihre Geschichte und ihre etymologischen und klanglichen Verwandtschaften, ihre pilzartig verwachsenen Gruppen- und Familienbildungen zu folgen. Grass zeigt sich immer wieder als ein Meister der spracharchäologischen Erzählfiktion, wenn er schürft in den Humusböden der Sprache, dort, wo es raunt und rumort in ihrem Bedeutungs- und Deutungsreichtum, dort, wo die Grimms und mit ihnen die Romantiker einmal den Seinsgrund deutscher Eigenart finden wollten. Verwoben ist und bleibt die Erzählfiktion des Buches in die Biographie von Wilhelm und Jacob Grimm: "Der ältere der Brüder Jacob kümmerte sich mehr ums Herkommen der Wörter …, weshalb sie mir bald … als Spaziergänger begegnen werden …, Wörter, die gerufen wie ungerufen zur Stelle sind, … fast alle erheben Anspruch, mit Zitaten bestätigt zu werden."
Günter Grass bei einer Lesung in Lübeck
Aber Grass bestätigt die Grimmschen Wörter nicht allein durch Zitate, auch wenn er sich immer wieder in ihren Tiefen- und Querverbindungen ergeht – er findet zu einer Erzählsprache, die etwas vom Atem der guten alten romantischen Entdeckergeistprosa bewahrt und zugleich die Zeitspannungen zwischen Damals und Heute, zwischen der politischen Moderne um 1848 und dem Gegenwartsdeutschland von 1945 bis 2010 in sich aufnimmt. Dass Günter Grass sich eine Art Kollegialfiktion gegenüber den beiden Grimms zutraut, dass er als Erzähler mit ihnen durch den Berliner Tiergarten flaniert und sie in ihren Studierstuben aufsucht, um neue Antworten auf alte Fragen zu erhalten, dass er ab und an seine eigene (Sprach-)Leistung in den Blick rückt, ist ein literarischer Eigensinn dieses Autors, dem man seine Berechtigung wohl kaum absprechen kann. Solche Erzählmeisterschaft ist vielleicht die legitimste Form der Verliebtheit in die deutsche Sprache. Indem Grass sie neu beatmet, zeigt sie ihre sinn- und sagekräftigen Tiefen, ihren Klang- und Bedeutungsreichtum, ihre historisch wechselnde Vielgestalt. Wir alle zehren von dieser Sprache, ob bewusst oder unbewusst, der Dichter aber ist ihr fleißiger Gärtner, während sie sich wie ein Riesengarten des Symbolischen vor uns erhebt. Selten hat man von den Früchten des Grimmschen Wörter-Weinbergs schönere Kostproben erhalten als hier: "Bald ist Arbeit das Gearbeitete …, Kopfarbeit, der geistigen, der Gelehrten, also bei sich, Arbeit kann süß sein, oder als saure Arbeit gewertet werden …, dem will ich … freudig zustimmen …, Geschichten wollen aufs Neue erzählt werden, immer war was, war mir weitere Arbeit gewiss, bis heutigen Tags."
Günter Grass: Chronik [PDF, 32 Kb]
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