Porträt: Günter Grass
Günter Grass in Kalkutta 2005
Dass Günter Grass in jenen Jahren Entscheidendes leistete zum Aufbau einer diskursiven, anstelle der überkommenen rituellen und trivialisierten Nationalität in der Bundesrepublik, sollte sich erst in den Auseinandersetzungen um sein Trauerspiel "Die Plebejer proben den Aufstand" herausstellen. Schon 1964 in Sigtuna hatten sich die Siebenundvierziger heftig über das vermeintliche Anti-Brecht-Drama gestritten, doch erst seine Uraufführung im Januar 1966 im Berliner Schiller-Theater rückte den Autor ins Zentrum aller deutschlandpolitischen und intellektuellen Debatten. Freilich konnte angesichts der drohenden Großen Koalition in Bonn so etwas wie die poetische Unterstützung der Brandtschen Wiedervereinigungsvision nur auf wenig linke Solidarität stoßen. Dass sich Günter Grass am nationalen Dichterkomplex namens Brecht zu messen wagte, und zugleich die Trivialisierungsgeschichte des 17. Juni mit dem politischen Dilemma einer kraftlos gewordenen deutschen Intellektuellenklientel in Verbindung brachte, wurde ihm aus den eigenen Reihen als maßlose Selbstüberschätzung vorgehalten.
Wenig später bewies es die Tagung der "Gruppe 47" in Princeton – die Gegensätze innerhalb der linken Intellektuellenschar waren unüberbrückbar geworden. Auch schienen Grass die Themen abhanden gekommen zu sein. Die Politisierung der Studentenschaft unter dem Eindruck der amerikanischen Aggression in Vietnam, die Abdankung allen Reformismus, die Perspektive der Revolution, ja der "Tod der Literatur" dominierten mittlerweile die Agenda der längst angeschwollenen und vielfältig ausdifferenzierten Linken. Bedachte der Staatspädagoge Grass wahlrednerisch und bühnenfiktional die Einheit der Nation und propagierte er sein Modell einer künftigen deutschen "Konföderation", so stellte ihn der Kapitalismuskritiker Enzensberger jetzt dar als das Paradebeispiel eines erledigten sozialdemokratischen Reformismus.
Schon vor dem Höhepunkt der Studentenbewegung von 1967/68 also, die Grass im Prinzip begrüßte, aber in parlamentarische Bahnen lenken wollte, weshalb sie den Kampf gegen ihn zu ihrem wichtigsten politischen Problem erklärte, waren die Grundmuster seiner linken Disqualifizierung ausgeprägt. Hier war die "Gefühlskoalition" von einst in der Tat zerbrochen, vielmehr hatten einschlägige Kritiker nun den "zentralen Bonzen" der bürgerlichen Literatur, einen obsoleten Typus des Geistesarbeiters, dingfest gemacht. Günter Grass, das kulturelle "Wappentier" der Bundesrepublik, war abermals zum Brennpunkt und Ferment der Intellektuellendebatte geworden. Das sollte sich wiederholen.
Zu Beginn der siebziger Jahre hatte sich die Linke in eine hektische Grüppchenpolitik, in diverse soziale Bewegungen, an ihren Rändern ins terroristische Milieu hineinbewegt, doch der "staatstragende Außerparlamentarier" Grass war immer noch am reformpolitischen Werk. Nach wie vor blühten die von ihm ins Leben gerufenen Wählerinitiativen für die SPD, er wurde in der Presse zum Regierenden Bürgermeister von Berlin vorgeschlagen, unterstützte maßgeblich die gewerkschaftliche Selbstorganisation der Schriftsteller, beteiligte sich an der innerparteilichen Demokratiedebatte in der SPD, geißelte ihren allmählich erschlaffenden Reformkanzler, rückte auch seinem Nachfolger Helmut Schmidt politisch zu Leibe, engagierte sich für einen rechtstaatlichen Umgang mit dem deutschen Terrorismuskomplex und nahm sich zunehmend der Menschheitsprobleme in der Dritten Welt an, die von den Studenten ins Blickfeld gerückt worden waren. Vergolten wurde ihm das mit dem Vorwurf, ein publicitysüchtiger und abgehobener "Staatsschriftsteller" geworden zu sein.
Der interne Entlegitimationsprozess der bundesdeutschen Intellektuellen war nicht nur seitens der Rechten, sondern auch in der Linken weit gediehen, als Helmut Schelsky 1975 seine berühmte Philippika gegen die "Priesterherrschaft" einer "Reflexionselite" mit insgeheimem Herrschaftsanspruch veröffentlichte. Im Verlauf der siebziger Jahre rissen die Feuilleton-Debatten darüber nicht ab, ob die Linke sich nicht überhaupt in eine amorphe Sozialbewegung mit privatistischem Reform- und Glücksanspruch aufgelöst habe. Als Helmut Kohl 1982 eine geistig-moralische Wende in Deutschland beschwor, war das Verhältnis zwischen Politik und Intellektualität jedenfalls auf den Nullpunkt gesunken, nichts schien weiter entfernt als die Zeiten der Brandtschen Reformeuphorie. Und dennoch wendete sich die Situation noch einmal.
Vorbereitet durch die Enttäuschung vom politischen Pragmatismus Helmut Schmidtscher Prägung, aber vor allem angesichts der drohenden NATO-Nachrüstung kam es zur Solidarisierung verschiedenster Gruppierungen linker Couleur, die eine eindrucksvolle Friedensbewegung auf die Beine brachten. Die Offenheit für die neuen sozialen und politischen Debatten und Demonstrationen, die er als Präsident der Berliner Akademie der schönen Künste entscheidend mit beeinflusste, hatte Grass nicht zuletzt auf Reisen durch die Dritte Welt erworben. Seine Intellektualität relativierte den innerdeutschen Geisteskampf, sie wollte sich nun der vom westlichen Kapitalismus erzeugten globalen Verelendung stellen. Denn Mitte der achtziger Jahre schien jede Aufklärung zuschanden gegangen, überall auf der Welt vernünftelte der Wahnsinn, und die postmodernistisch verspielten Intellektuellen blieben untätig gegenüber dem apokalyptischen Irrationalismus der Lebensverhältnisse.
Günter Grass im Jemen 2004
Der tumultuarische Kritikerstreit um seinen Endzeitroman "Die Rättin" hatte für Grass nichts deutlicher als ein solches Verweigerungssyndrom dokumentiert. Selbst an seinem heimatfernen Studienort Kalkutta sah sich der Dichter beiden Dilemmata zugleich konfrontiert – dem Elend der globalen Wirklichkeit und seiner alerten Ignoranz durch die westliche Intelligenzia. Verschoben hatte sich für ihn der Ort der Verantwortung. Aus der Perspektive der Dritten Welt gewahrte Grass in Europa jetzt nicht nur eine vom ökonomischen Raubbau und vom Fortschrittsinfarkt bedrohte Demokratie, sondern die schlimmsten Formen von Umweltzerstörung, Drogenkonsum, Bildungsverfall und medialer Verblödung. Längst dominierten die psychosozialen und ökologischen Probleme in der "Weltinnenpolitik", der er eine "schockierende Aufklärung" verabreichen wollte.
Günter Grass: Chronik [PDF, 32 Kb]
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