Porträt: Günter Grass
Das Krantor in Danzig.
Erschrecktes Innehalten vor der Wirklichkeit, das Arbeitsprinzip des jungen Künstlers, war von Anbeginn mehr als ein bloß ästhetisches Bekenntnis. Es trat sogleich als inszenierte Imago, als Selbststilisierung eines Nonkonformisten in Erscheinung, der Kunst und Welt, Artistik und Engagement – nach den Vorbildern Camus und Sartre und belehrt durch die deutsche Unheilsgeschichte – in desillusionierende Spannung zueinander setzen wollte. Zunächst zeigte sich der ins Absurde vernarrte Gestus des jungen Avantgardekünstlers, mit seinen stofflichen und motivischen Suchbewegungen, mit seinen Formspielereien. Doch mitten darin gärten die widerständigen Inhalte und drängten immer stärker in den Vordergrund, um in der "Blechtrommel" ihren literarischen Niederschlag zu finden.
Dieser schillernde Kunsthabitus dokumentierte auch die Ortlosigkeit eines werdenden Intellektuellen, der, um erkennen zu können, nicht mitmachen zu dürfen glaubte. Jenes zeitlebens "unstet und ortlos gebliebene Flüchtlingskind" namens Günter Grass begann damals sein Außenseitertum als "Pflichtfach" zu begreifen in einer schuldvergessenen, auf wohlfahrtstaatlichen Konsens getrimmten Gesellschaft. Seiner Verstricktheit in die vom Totalitarismus beschädigte Welt konnte er sich – nach einer Formulierung von Theodor W. Adorno – nur als "professionell Heimatloser" bewusst werden. Das ist biographisch nicht schwer nachzuvollziehen. Als fanatisierter Jung-Nazi und noch in den letzten Kriegsmonaten an der Ostfront zwangsrekrutiertes Mitglied der Waffen-SS-Division "Frundsberg" wurde der junge Grass verwundet aus dem Krieg entlassen. Ohne Familie und angemessenen Schulabschluss, sinnverloren und perspektivlos sah er sich in ein befremdliches neues Deutschland versetzt. Ihm blieb keine andere Möglichkeit, als sein Künstlertum entgegen aller kulturellen Konvention konzentriert und voller Selbstermutigung zu verwirklichen.
Als ich 17 war - Günter Grass über seine Kriegsjahre, [29:12]
Weder konnte der Autodidakt auf die klassisch-romantische Geistestradition der Deutschen zurückgreifen, noch hatten die Protagonisten der 'Inneren Emigration' etwas Unbescholtenes oder poetisch Nachahmenswerts zu bieten, noch standen ihm die von links wie rechts vereinnahmten Großdichter Brecht und Benn als Vorbilder zu Gebote. Wer in dieser Lage eine geistige Heimat suchte, vermochte sie offenbar nur im ideellen Konstrukt eines "anderen" Deutschland zu finden. Einzig als verlorene, das wusste der junge Grass, war die Tradition des humanitären Geistes noch einmal wiederzugewinnen. Die raunenden Schicksalsthesen zur deutschen Selbstentlastung konnte er nur verwerfen, aber genauso wenig wollte er an die soldatischen Redlichkeitsbeteuerungen der zurückgekehrten "lost generation" glauben, an ihre Stunde-Null-, Aufbruchs- und Sozialismusrhetorik.
Günter Grass über Nachkriegszeit und Vergangenheitsbewältigung, [10:22]
Günter Grass über seine künstlerischen Anfänge, [6:38]
Paris Saint Germain
Ungleich hoffnungsvoller hingegen erlebte er das intellektuelle Laboratorium der Moderne im Paris der fünfziger Jahre. Albert Camus hatte damals den vernünftigen Geist der Zeit als einen gekennzeichnet, der nichts mehr ernst und nichts mehr leicht nehmen könne – dem vermochte der junge deutsche Künstler am ehesten zu folgen, hatte doch sein Bildungshunger den Avantgardeströmungen der Jahrhundertwende vieles zu verdanken. Seine formerprobende Dramatik und Lyrik ließen zunächst eine allgemeine Zivilisations- und Zeitkritik anklingen – es ging um die Denunziation alles Totalitären, um die Fanatismen von Ordnung und Gefolgschaft, um alles Rasse- und Artreine, um wabernde Mythen der Deutschheit und um den Unsegen jeder idealisierenden Bildungshybris. Doch schon in der "Blechtrommel" war der historisch und politisch reflektierende Schriftsteller erkennbar, der nicht ortlose Ideologiekritik betreiben, sondern den verlogenen Schulddiskurs der Deutschen literarisch aufstören wollte. Während Konrad Adenauer angesichts der belasteten deutschen Erinnerungskultur am liebsten tabula rasa machen wollte, nahm Grass genau diesen "gespenstischen Traditionalismus" (Adorno) der fünfziger Jahre aufs Korn, um seine Imprägnierung mit historischer Schuld in grotesker Stilisierung bloßzulegen.
Günter Grass: Chronik [PDF, 32 Kb]
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