Porträt: Günter Grass
Mit Verve protestierte Grass im August 1961 gegen den Bau der Berliner Mauer, ermunterte seine DDR-Kollegen zur Dissidenz, beteiligte sich an deutsch-deutschen Schriftstellerkonferenzen, nahm in der Spiegel-Affäre im Oktober 1962 zwar eine Anti-Strauß-, aber doch linkskritische Haltung ein und erwarb auf diese Weise allmählich den umstrittenen Status eines national repräsentativen Schriftstellers. Zu Recht datiert für Jürgen Habermas die Normalität der nachkriegsdeutschen Intellektuellenkultur von eben dieser Zeit her. Freilich, schon damals korrespondierte sie mit einer harschen Abwehr der Selbsterhebung politisierender Literaten zu Anwälten des bonum commune in der Bundesrepublik. Günter Grass war seit Anfang der sechziger Jahre der markanteste Vertreter dieser angeblich keineswegs mehr "heimatlosen", sondern über die "Gruppe 47" im Kulturbetrieb mafiotisch vernetzten Linken.
Günter Grass über Literatur und Politik, [35:09]
Dem konservativen Außenblick entsprach allerdings so gut wie nichts im Inneren des sich damals schon umgruppierenden sozialistischen Lagers. Grass, der skandalumwitterte Autor der "Blechtrommel" und der Novelle "Katz und Maus", über den deutsche Parlamente debattierten, dem etliche Bundesminister öffentliche Fehden lieferten, der im Februar 1965 den Kanzler zum Rücktritt aufforderte, der sich dem Revisionismus und Pragmatismus der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands verschrieb, dem der "Spiegel" wiederholt Titel-Stories widmete, er wurde damals im rechten wie im linken Kultur- und Politikspektrum zur Herausforderung. Den Gleichklang von weltweitem Künstlerruhm und politischer Selbstvermarktung als Wahlkämpfer und Partei-Intimus wollten ihm selbst Freunde und Kollegen immer weniger nachsehen.
"Wie der Intellektuelle es macht, macht er es falsch", gab Adorno damals in den "Minima Moralia" zu bedenken, Grass bekam seither die Dialektik des Engagements mit allem Nachdruck zu spüren. Dass der Künstler dem Bürger zwanglos zur Seite stehen könne, wenn es um die pragmatische Durchsetzung einer humanitär inspirierten Politik ging, hat vielen Weggenossen niemals, etlichen nur zu Zeiten eines relativ guten Einvernehmens zwischen Staat und Kultur einleuchten wollen. Grass’ Beziehungsgeschichte mit der SPD war und blieb denn auch von anderen Formen und Ursachen der Enttäuschung gekennzeichnet als die aller anderen jemals parteinahen Intellektuellen.
Die konservative Grass-Schelte begann um 1960 und sie verläuft sich fünfzig Jahre später im public spirit einer allmählich einheitsberuhigten Republik. Erstaunlich aber war, dass damals auch die linke Kritik nicht lange auf sich warten ließ. Im Herbst 1963 machte sich die Redaktion von "Pardon" daran, ihr politisches Mütchen zu kühlen an einem Neuklassiker namens Grass, der links gewandet auftrat, sich aber unverkennbar zur luxurierenden Bürgerkultur der Walhalla-Größen von vorgestern geschlagen zu haben schien. Was die Studentenbewegung in nuce am Dichterpräzeptor Grass kritisierte, machte seit Mitte der sechziger Jahre auf der Hochebene des literarischen Diskurses, nicht selten vor großem bundesdeutschen Publikum, lauthals von sich reden. Nach den Fraktionskämpfen auf der Herbsttagung der "Gruppe 47" von 1964 im schwedischen Sigtuna wussten die Medien zu berichten, dass nun sogar die Leser der "Bild-Zeitung" vom dubiosen Glamour der Gruppe und ihrer Großautoren etwas gehört hätten. Allmählich wurde die deutsche Nachkriegsliteratur in der Öffentlichkeit nahezu gleichgesetzt mit den Protagonisten dieser umstrittenen Literatengemeinschaft, allen voran stand Günter Grass.
Willy Brandt
Sollte die "Gruppe 47" noch stärker auf gesellschaftliche Reputation und Integration setzen, sich gar zu einer Art Kulturagentur der SPD entwickeln? Oder musste sie sich politisch nach links radikalisieren und "sozialisieren", und die Aggression des kapitalistischen Bruderlandes und NATO-Bündnispartners Amerika in Vietnam bekämpfen? Darüber war damals mit Grass, dem reformistischen Wahlkämpfer für die SPD, keine gütliche Einigung mehr möglich. Seine Büchner-Preisrede vom Oktober 1965 geißelte vielmehr die linken Weggefährten scharf, weil sie sich zu fein gewesen seien für die öffentliche Unterstützung der Sozialdemokraten bei der soeben verlorengegangenen Bundestagswahl. In den Augen der Linken dagegen blies sich der so renommierte wie begüterte Kollege Grass immer mehr zum nationalen Repräsentanten der Deutschen auf, zum Konstrukteur einer dekretierten Nationalität im Zeichen der Aufklärung behaupteten.
Vor den Augen einer entgrenzten Öffentlichkeit drohte einer von ihnen der Lust an der Polit-Show zu erliegen, eingespannt zwischen Berliner "Wahlkontor" und SPD-Prominenz schien er die unverzichtbare Distanz von Kunst und Staat preisgeben zu wollen. Da nützten alle Freiheiten und die forsche Kritik, die sich der Schriftsteller immer schon gegenüber dem SPD-Apparat herausgenommen hatte, wenig. Schon Jahre vor dem Erfolg der von Grass initiierten SPD-Wählerinitiativen, die seit 1969 zu einer Bürgerbewegung anwuchsen, war das Ressentiment wider den (partei-)politisch engagierten Künstler weit verbreitet. Im Oktober 1965 verbrannten entschiedene junge Christen am Gestade des deutschen Rheins, nicht ohne Billigung hoher katholischer Würdenträger, ein Exemplar der "Blechtrommel". Ein Ketzer und Nestbeschmutzer in deutschen Landen sollte damit zur öffentlichen Verantwortung gezogen werden.
Günter Grass: Chronik [PDF, 32 Kb]
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