Porträt: Günter Grass
Längst haben die auf Grass gemünzten Missbilligungsformeln vom Dichterpatriarchen, vom Monument, vom Denkmal, vom obsoleten Groß- und Gesamtintellektuellen Klischeestarre angenommen. Wenn es zutrifft, dass der Intellektuelle um seiner öffentlichen Wirkung willen so etwas wie Aura besitzen muss, dann ist Günter Grass in besonderer Weise damit ausgestattet. Die Beharrlichkeit und die Wirkung seiner jahrzehntelangen Dreinreden machen auch deutlich, dass die Lebensleistung dieses Dichters und Intellektuellen vom großen Publikum der Deutschen seit je anders und vermutlich wohlwollender wahrgenommen wird als von der jeweils stimmführenden Kulturpublizistik.
Stadtschnack: Günter Grass, [10:48]
Anlässlich einer Ausstellung seiner Bilder in der Bremer Kunsthalle.
Zum Beispiel hat der tumultuarische Streit um seine Autobiographie "Beim Häuten der Zwiebel", mitsamt ihrem Waffen-SS-Einbekenntnis, zu keinerlei negativen Reaktionen des Lesepublikums gegenüber Grass geführt. Schon seit den sechziger Jahren zeugen Meinungsumfragen von seiner publizistischen Repräsentanz, und noch 2006 führte er laut "Cicero" die Rangliste der einflussreichsten deutschen Intellektuellen unumstritten an. Vor allem deshalb hat der Künstler Grass in diesem Land über Jahrzehnte hin auch als politische Einflussgröße gegolten. Sein Nimbus ist tiefsitzend und alt, doch seine mediale Potenz scheint sich immer wieder zu verjüngen.
Günter Grass über seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS, [5:43]
Auch im Jahr 2012 sorgte Grass für jede Menge Zündstoff bei seinen Kritikern anläßich der Publikum seines provokanten israel-kritischen Gedichtes "Was gesagt werden muss", das für internationale Schlagzeilen sorgte. Und dass der Dichter Grass es einfach nicht lassen kann, sich querdenkerisch in die aktuelle Politik einzumischen, bewies er abermals durch sein Gedicht "Europas Schande", indem er sich gegen die Griechenland-Politik der EU wandte.
Noch der 85jährige Günter Grass kehrte wieder zum lyrischen Genre zurück, und – wie man sehen konnte – tat er gut daran. Mit "Eintagsfliegen" legte er einen Gedichtband der Lebensbilanz vor, der alles andere darstellte als das Produkt eines milde oder gar resignativ gewordenen Alterswerks. Vielmehr ist es ein Buch der politischen Empörung und der polemischen Auseinandersetzung geworden, aber auch eines der Besinnung auf das Alltägliche und Gewöhnliche, auf die Liebe zu seiner Frau und zus einer Familie, und am Ende eine schöne Hommage an die Deutschen und an die deutsche Sprache. Zornig allerdings will Günter Grass bleiben bis ans Ende seines Lebens.
Bissigkeit und Lebenslust
Die intellektuellen Einreden des Günter Grass mögen seit je bestreitbar und fragwürdig erscheinen, doch sie werden im Land als authentisch wahrgenommen, gleichsam als publizitär hochzurechnende ‚normale’ Staatsbürgerhaltung. Nicht nur, was einer sagt, sondern wer es wie sagt, ist im Verhältnis zu Grass von schwer vergleichbarer Bedeutung. Im Medium seiner Person pflegt die gesellschaftlich-politische Verständigung der Deutschen für Momente so etwas wie einen erhöhten Erregungsgrad anzunehmen. Wenigstens die Ahnung wird darin begründbar, dass ein strapazierfähiges Wertbewusstsein der Republik überdauern könnte. Die Nachkriegsdeutschen erkennen sich wohl gerade deshalb wieder in dieser multimedial vergegenwärtigten Geistesphysiognomie, zeugt sie doch von Bissigkeit und Lebenslust, von vorlautem Charme und leisem Gespür, von fleißigem Selbstbewusstsein und erprobtem Gemeinschaftssinn. Seiner Liebe zu den Deutschen und zu ihrer Sprache, so hat Grass wiederholt bekannt, sei Kritik immer schon unverzichtbar.
Günter Grass bei einer Lesung in Bremen
In der Tat, es gab bei ihm selten eine Neigung zum national Eigentümlichen, die frei gewesen wäre von pädagogischer Reinigungsabsicht, aber dass die Deutschen nach 1945 aus ihrer Nazi-Vergangenheit gelernt haben, und dass sie passable Demokraten geworden sind, sagt er am Ende seines Lebens nicht ohne Stolz. Früher hielt man den beißenden Kritiker Günter Grass in aller Welt für den Repräsentanten eines besseren Deutschland, heute dürfte das auch für den Patrioten gelten. Vielleicht unterschätzen viele Deutsche, wie sehr in manchen Zügen dieser öffentlichen Physiognomie einige ihrer historisch gereiften Tugenden zum Ausdruck kommen.
Günter Grass: Chronik [PDF, 32 Kb]
Weiterlesen:
Grimms Wörter
Der neue Grass
Günter Grass
Seit dem Welterfolg der " Blechtrommel" ist Günter Grass zum berühmtesten deutschen Schriftsteller avanciert. Nach 1945 hat kein deutscher Autor derart von sich reden gemacht wie er. Keiner hat sich so unüberhörbar in öffentliche Debatten eingemischt und heftige Kontroversen ausgelöst wie der Literaturnobelpreis-Träger des Jahres 1999. Mehr...
Weitere Kapitel zu Grass
Jetzt läuft
Der kreuzfidele Pessimystiker
Ein Porträt des Schriftstellers Günter Kunert, der mit virtuosem Eigensinn in der Kulturszene beider deutscher Staaten für Furore gesorgt hat. Michael Augustin und Walter Weberzeichnen seine Lebensstationen als Grenzgänger zwischen Ost und West nach. Mehr...
2. Juni, 9:05 Uhr | Nordwestradio
Musikladen
Radio Bremen bringt den Musikladen zum 40. Jubiläum der Sendung in diesem Jahr wieder auf den Schirm. Seit September 2012, wiederholt Radio Bremen TV wöchentlich die Folgen der legendären Sendung mit den Moderatoren Uschi Nerke und Manfred Sexauer. Mehr...
2. Juni, 18:45 Uhr | RB TV
radiobremen.de nun auch mobil
Seit dem 25. Februar 2013 ist der Radio-Bremen-Web-Auftritt unter der Adresse "m.radiobremen.de" auch mobil abrufbar. Mehr...
Der neue Rundfunkbeitrag
Der neue Rundfunkbeitrag löst die Rundfunkgebühr ab. Informationen zum Start 2013 hier. Mehr...
Kultur-Sendungen heute:
22:05 Uhr, Nordwestradio:
Globale Dorfmusik live
23:05 Uhr, Nordwestradio:
Nordwestradio Lounge
Kultur-Podcasts
Kultur-Beiträge hören – wann und wo Sie wollen: Hier werden Ihnen jeweils die neuesten Podcast-Dateien zum direkten Download angeboten. Mehr...
Jetzt auf radiobremen.de
Krise der Gesundheit Nord: SPD fordert Finanzkonzept für städtische Kliniken
Werder Bremen: Sportdirektor plant mit Arnautovic und Elia
Tote Frau im Pflegeheim: Sozialsenatorin fordert mehr Aufmerksamkeit
Neuer Trainer vorgestellt: Robin Dutt: "Werder ist Euphorie pur!"