Porträt
Nur wenige Schriftsteller werden so nachhaltig mit einer Stadt identifiziert wie Franz Kafka mit Prag. Fast sein gesamtes Leben hat sich hier abgespielt und in seinem Werk hat die Stadt an der Moldau unübersehbare Spuren hinterlassen. Aus dem Blickwinkel des Altstädter Rings, dem historischen Zentrum Prags, hat Kafka selbst einmal gesagt: "Hier war mein Gymnasium, dort die Universität und ein Stückchen weiter links mein Büro. In diesem kleinen Kreis ist mein ganzes Leben eingeschlossen."
Theyn-Kirche in Prag
Michael Augustin und Walter Weber haben sich in Prag auf Spurensuche nach der Gegenwärtigkeit Kafkas begeben, ortskundig begleitet von der tschechischen Kafka-Übersetzerin Věra Koubová. In historischen Aufnahmen sind die beiden Kafka-Freunde Max Brod und Johannes Urzidil mit ihren Erinnerungen zu hören und aus heutiger Sicht beschreiben passionierte Kenner wie Klaus Wagenbach und Hartmut Binder die Welt Franz Kafkas in Prag.
Geboren wurde Franz Kafka am 3. Juli 1883 im Haus "Zum Turm" in der Niklasgasse (heute Námesti Franze Kafky) in Prag. Ein Haus, das heute nicht mehr existiert und bereits 1898 durch einen Nachfolgebau ersetzt wurde. Er entstammte einer jüdischen Familie aus Böhmen. Der Vater Hermann Kafka war Inhaber eines "Galanteriewarengeschäfts", d.h. eines Handels mit Knöpfen, Stöcken, Stoffen, Zwirnen usw., in wechselnden Häusern der Prager Altstadt: ab 1882 an der Nordseite des Altstädter Rings, ab 1887 im "Haus zu den drei Königen", ab 1906 an der Zeltnergasse und ab 1912 im repräsentativen Kinsky-Palais am Altstädter Ring. Seit 1882 war er mit Julie Löwy verheiratet, der Tochter eines Tuchhändlers.
Im berühmten "Brief an den Vater" von 1919 hat Franz Kafka den Geschäftsmann Hermann Kafka und sein dominantes Auftreten so beschrieben: "An und für sich besonders in der Kinderzeit, solange es ein Gassengeschäft war, hätte es mich sehr freuen müssen, es war so lebendig, abends beleuchtet, man sah, man hörte viel, konnte hie und da helfen, sich auszeichnen, vor allem aber Dich bewundern in Deinen großartigen kaufmännischen Talenten, wie du verkauftest, Leute behandeltest, Späße machtest, unermüdlich warst, in Zweifelsfällen sofort die Entscheidung wusstest und so weiter. (…) Aber da Du allmählich von allen Seiten mich erschrecktest und Geschäft und Du sich mir deckten, war mir auch das Geschäft nicht mehr behaglich. Dinge, die mir dort zuerst selbstverständlich gewesen waren, quälten, beschämten mich, besonders Deine Behandlung des Personals. (…) Du nanntest die Angestellten 'bezahlte Feinde', das waren sie auch, aber noch ehe sie es geworden waren, schienst Du mir ihr 'zahlender Feind' zu sein. Dort bekam ich auch die große Lehre, dass Du ungerecht sein konntest; an mir selbst hätte ich es nicht so bald bemerkt, da hatte sich ja zuviel Schuldgefühl angesammelt." (Brief an den Vater – In: Franz Kafka: Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande und andere Prosa aus dem Nachlass, Fischer Taschenbuch Verlag 1996, S. 136)
Kinsky-Palais in Prag
Franz Kafka wuchs im kulturellen Milieu der "Prager-Deutschen" auf. Um 1900 zählten von den 600.000 Einwohners Prags ca. 30.000 zur deutsch sprechenden Minderheit, von denen mehr als die Hälfte Juden waren. In einem Radio-Bremen-Gespräch aus dem Jahr 1963 hat der Prager Schriftsteller und Kafka-Freund Johannes Urzidil (1896-1970) dieses sprachliche Milieu so beschrieben: "Wir waren ein bewährtes Deutschtum. Wir dichteten in der Sprache, die unsere Alltagssprache war, die wir täglich gebrauchten. Wir schalteten nicht um aus einem Dialekt in die deutsche Hochsprache, ins Hochdeutsch, das hatten wir nicht nötig. Unsere Sprache war das Hochdeutsch, das der Kanzler Johannes von Neumarkt zur Zeit des Kaisers Karl des Vierten, der in Prag residierte im 14. Jahrhundert zur deutschen Kanzleisprache erhoben hatte, aus der späterhin von Luther aus das eigentliche Hochdeutsch entstanden war. Wir betrachteten uns also als am Wurzelgrund dieser deutschen Sprache befindlich."
Franz Kafka als Schüler (vor 1900)
Die deutsche Sprache bestimmte auch Franz Kafkas Schulzeit. Von 1893 bis 1901 war er Schüler des "Staatsgymnasiums mit deutscher Unterrichtssprache in Prag-Altstadt". Ein Institut, das im Kinsky-Palais residierte, in dem in späteren Jahren auch Hermann Kafkas Geschäft untergebracht war. Seine Schuljahre hat Kafka im Rückblick als regelrechte Leidenszeit geschildert: "Oft sah ich im Geist die schreckliche Versammlung der Professoren, wie sie, wenn ich die Prima überstanden hatte, also in der Sekunda, wenn ich diese überstanden hatte, also in der Tertia u.s.w. zusammenkommen würden, um diesen einzigartigen himmelschreienden Fall zu untersuchen, wie es mir, dem Unfähigsten und jedenfalls Unwissendsten gelungen war, mich bis hinauf in diese Klasse zu schleichen, die mich, da nun die allgemeine Aufmerksamkeit auf mich gelenkt war, natürlich sofort ausspeien würde, zum Jubel aller von diesem Albdruck befreiten Gerechten. Mit solchen Vorstellungen zu leben, ist für ein Kind nicht leicht." (Brief an den Vater, S. 150)
Ohne besondere Neigung begann Franz Kafka im Jahr 1901 an der "Deutschen Universität Prag" ein Jurastudium, das er 1906 mit der Promotion abschloss. Über seine Studienzeit schrieb er später: "Also eigentliche Freiheit der Berufswahl gab es für mich nicht, ich wußte: alles wird mir gegenüber der Hauptsache genau so gleichgültig sein, wie alle Lehrgegenstände im Gymnasium, es handelt sich also darum einen Beruf zu finden, der mir, ohne meine Eitelkeit allzusehr zu verletzen, diese Gleichgültigkeit am ehesten erlaubt. Also war Jus das Selbstverständliche. Das bedeutete, dass ich mich in den paar Monaten vor den Prüfungen unter reichlicher Mitnahme der Nerven geistig förmlich von Holzmehl nährte, das mir überdies schon von tausend Mäulern vorgekaut war." (Brief an den Vater, S. 151)
In den ungeliebten Juristenberuf trat Kafka im 1907 als Aushilfskraft der "Assicurazioni Generali" in Prag. Von 1908 bis 1922 war er Angestellter der "Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt für das Königreich Böhmen in Prag". Im gleichen Jahr meldete sich auch erstmals der Schriftsteller Franz Kafka zu Wort: in Franz Bleis Zeitschrift "Hyperion" publizierte er acht Prosastücke – seine ersten Veröffentlichungen. Zeitlebens blieb der Autor bahnbrechender Romane der Moderne wie "Der Prozeß" und "Das Schloß" ein ausgesprochen skrupulöser Autor, der nur wenige seiner Werke veröffentlichte und seine Arbeiten nach seinem Tod vernichtet wissen wollte. Was dann aber dank seines Freundes Max Brod glücklicherweise nicht stattgefunden hat.
Für den amerikanischen Dichter Michael March, den Direktor des international renommierten "Prague Writers Festival" ist das Erstaunlichste am Autor Franz Kafka seine ungebrochene Aktualität: "Als Schriftsteller war Kafka ohne Zweifel ein Genie, sein Geist war absolut auf der Höhe der Zeit, und man muss an den Ausspruch Hans Magnus Enzensbergers denken, wonach uns nämlich die Poesie Nachrichten aus der Zukunft übermittelt. Kafka hat also, da bin ich ganz sicher, über das geschrieben, was wir heute erleben, in einem stärkeren Maße sogar. Im Klartext: über die Bürokratisierung des Lebens. Er hat das verstanden als etwas Düsteres, gewürzt mit einer Prise Amüsement, auf sehr jüdische Weise wusste er von der Heiligkeit der Literatur, der Nichtvorhersagbarkeit von Literatur, der Widersprüchlichkeit von Literatur, die darin natürlich dem Leben gleicht – wir sind Kafka also heutzutage sehr nah."
Michael March über Franz Kafka und Prag, [1:13]
Prague Writers Festival
S. Fischer Verlag: Franz Kafka
Franz Kafka - Ein Projekt der Universität Bonn
Franz Kafka
![Franz Kafka [Quelle: gemeinfrei] Franz Kafka [Quelle: gemeinfrei]](/kultur/kafka104_v-mediateaser.jpg)
Nur wenige Schriftsteller werden so nachhaltig mit einer Stadt identifiziert wie Franz Kafka mit Prag. Fast sein gesamtes Leben hat sich hier abgespielt und in seinem Werk hat die Stadt unübersehbare Spuren hinterlassen.
Jetzt läuft
Der kreuzfidele Pessimystiker
Ein Porträt des Schriftstellers Günter Kunert, der mit virtuosem Eigensinn in der Kulturszene beider deutscher Staaten für Furore gesorgt hat. Michael Augustin und Walter Weberzeichnen seine Lebensstationen als Grenzgänger zwischen Ost und West nach. Mehr...
2. Juni, 9:05 Uhr | Nordwestradio
Musikladen
Radio Bremen bringt den Musikladen zum 40. Jubiläum der Sendung in diesem Jahr wieder auf den Schirm. Seit September 2012, wiederholt Radio Bremen TV wöchentlich die Folgen der legendären Sendung mit den Moderatoren Uschi Nerke und Manfred Sexauer. Mehr...
2. Juni, 18:45 Uhr | RB TV
radiobremen.de nun auch mobil
Seit dem 25. Februar 2013 ist der Radio-Bremen-Web-Auftritt unter der Adresse "m.radiobremen.de" auch mobil abrufbar. Mehr...
Der neue Rundfunkbeitrag
Der neue Rundfunkbeitrag löst die Rundfunkgebühr ab. Informationen zum Start 2013 hier. Mehr...
Kultur-Sendungen heute:
2:05 Uhr, Nordwestradio:
ARD-Nachtkonzert
6:05 Uhr, Nordwestradio:
Nordwestradio Journal
7:08 Uhr, Nordwestradio:
Nordwestradio Journal
8:08 Uhr, Nordwestradio:
Nordwestradio Journal
10:05 Uhr, Nordwestradio:
Musikzeit
12:00 Uhr, Bremen Vier:
Mittendrin
12:08 Uhr, Nordwestradio:
Nordwestradio Journal
13:05 Uhr, Nordwestradio:
Musikzeit
16:08 Uhr, Nordwestradio:
Globale Dorfmusik
17:08 Uhr, Nordwestradio:
Nordwestradio Journal
18:30 Uhr, Nordwestradio:
Lesebuch
20:05 Uhr, Nordwestradio:
Musikwelt
22:05 Uhr, Nordwestradio:
Globale Dorfmusik live
23:05 Uhr, Nordwestradio:
Nordwestradio Lounge
Kultur-Podcasts
Kultur-Beiträge hören – wann und wo Sie wollen: Hier werden Ihnen jeweils die neuesten Podcast-Dateien zum direkten Download angeboten. Mehr...
Jetzt auf radiobremen.de
Streit um Beratungsstelle: SPD-Fraktionschef will Rat und Tat-Zentrum erhalten
Gesetzesinitiative aus Bremerhaven: Hauseigentümer müssen Schrottimmobilien abreißen
Großauftrag für Satellitenbau: OHB und Astrium unterzeichnen Vertrag
Werder Bremen: DFB erteilt Robin Dutt die Freigabe